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Von Marie-Lucile Kubacki
Vatikanstadt (Fides) – Mit einer heiligen Messe mit dem Kardinalskollegium im Petersdom eröffnete Papst Leo XIV. heute Morgen, Freitag, den 26. Juni 2026, das außerordentliche Konsistorium, zu dem Kardinäle aller Kontinente zur Vorbereitung auf das Hochfest der Heiligen Petrus und Paulus zusammenkommen. Dieses Datum, so der Papst, könne ein Schlüssel zum spirituellen Verständnis der Bedeutung dieser Tage sein.
In seiner Predigt stellte der Papst das Konsistorium in den Mittelpunkt des apostolischen Geheimnisses der Kirche: „Während wir Gott um Stärke und Weisheit bitten, ist es bedeutsam, dass unser Konsistorium am Vorabend des Hochfestes der heiligen Apostel Petrus und Paulus stattfindet. Lasst uns gemeinsam bei diesem Gedenken verweilen, das an die Säulen der katholischen und römischen Kirche erinnert, an die beiden Märtyrer-Missionare, deren Verkündigung und Leben ganz miteinander verschmolzen, so sehr dass sie ein Teil der Heiligen Schrift geworden ist“, bekräftigte er. In diesem Licht erscheint die Versammlung der Kardinäle um den Nachfolger Petri in erster Linie als eine Rückkehr zu den apostolischen Wurzeln der Sendung.
In Anbetracht des Martyriums von Petrus und Paulus entwarf Leo XIV. eine wahrhaft missionarische Hermeneutik für die Entscheidungsfindung des Konsistoriums. Einerseits erinnerte er daran, dass die beiden Apostel „im Glauben gemeinsam die wahre Freiheit“ erlebten – eine Freiheit, die aus einer persönlichen Beziehung zu Jesus erwuchs, die von Sünde und Furcht befreit, wodurch die missionarische Sendung „als Nachfolger der Apostel“ möglich wurde. Andererseits betonte er, dass die Verkündigung des Evangeliums, die Feier der Sakramente und die Widmung „sich in dem Maße verwirklichen und Frucht bringen, wie wir an ihn, den Guten Hirten, glauben“. Bei Petrus und Paulus sei Mission keine Strategie, wie der Papst bereits in verschiedenen Reden und Predigten hervorgehoben hatte, sondern Ausdruck eines lebenslangen Glaubens, der bis zum Blutvergießen reichte.
Der Papst bekräftigte, dass „die lebendige Kirche die Kirche ist die glaubt“ und erklärte, dass der kirchliche Glaube dem Glauben des Einzelnen vorausgeht und ihn trägt wie eine Gnade, die die Reben des einen Weinstocks nährt. „Wie also die göttliche Gnade der menschlichen Freiheit vorausgeht, so geht der Glaube der Kirche unserem Glauben voraus und verlangt danach, mit Inbrunst bezeugt zu werden“, erklärte er und erinnerte an die Aufforderung des Psalmisten: „Verkündet sein Heil von Tag zu Tag! Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit!“ (Ps 96,2–3). Für das Kardinalskollegium, das sich um den Nachfolger Petri versammelt hat, bedeutet dieser Blick auf Petrus und Paulus, zu prüfen, ob die Mission tatsächlich alles dem Primat von Gnade und Glaube anvertraut.
In Anlehnung an das evangelische Bild vom Weinstock und den Reben erklärte er: „Diese Vielfalt an Gefühlen und Gedanken bündelt sich nun: Sie findet ihren leuchtenden Mittelpunkt in Christus. Er selbst wendet sich persönlich an uns: ‚Ich bin der wahre Weinstock‘ (Joh 15,1). Durch Jesus fließen die Gnade und die Wahrheit in unser Leben (vgl. Joh 1,17) und erneuern uns von innen heraus: Diese göttlichen Gaben sind auch die fruchtbare Lebensader des Konsistoriums, das wir heute beginnen. Das Evangelium schafft die die Voraussetzungen dafür, dass es fruchtbar sein kann: ‚Bleibt in mir, und ich bleibe in euch‘ (Joh 15,4).“ In diesem Zusammenhang erscheint das Martyrium von Petrus und Paulus als reife Frucht eines Lebens, das ganz mit Christus verwachsen ist; ebenso ist das Konsistorium aufgerufen, sich vom selben „fruchtbaren Saft“ nähren zu lassen, damit die daraus hervorgehenden Entscheidungen wahrhaft evangelische Frucht tragen.
Neben diesem christologischen und apostolischen Fundament wies Leo XIV. auf drei zentrale Wege der Unterscheidung für die Kirche und ihre Sendung hin. Der erste betrifft die Freiheit im Glauben, die aus der Beziehung zu Jesus Christus erwächst und von Petrus und Paulus bezeugt wurde; der zweite den Frieden in der Einheit; der dritte die Harmonie im Gehorsam gegenüber dem lebendigen Wort, das Christus ist. Mit Blick auf den Frieden verurteilte der Papst entschieden die Kriege und Spannungen, die die Menschheitsfamilie verletzen, und bekräftigte: „Krieg ist niemals des Menschen würdig und er ist niemals von Gott gesegnet“, und Frieden sei „eine Gerechtigkeitspflicht, weil wir eine einzige Menschheitsfamilie sind, eine magnifica humanitas, die in Christus ihr Haupt und ihren Erlöser hat.“
Mit Bezug auf die am 15. Mai unterzeichnete Enzyklika „Magnifica Humanitas“ erinnerte der Papst an die von Papst Paul VI. als alternativen Weg seiner Zeit bezeichnete „Zivilisation der Liebe“. Heute, so erklärte er, sei das christliche Zeugnis berufen, „zu einer Prophezeiung einer neuen Welt, zur Evangelisierung und zum Dienst, zu einem kulturelles und sozialen Projekt, das die menschliche Entwicklung ganzheitlich fördert“. Während die Kirche „unter Freuden und Verfolgungen“ verkünde sei sie „für alle“ da und „richtet gleiche Wort der Bekehrung und des Heils an einen jeden“. Der Papst führte diesen sozialen und kulturellen Impuls auch auf seinen apostolischen Ursprung zurück: Petrus und Paulus, betonte er, hätten keine Idee verkündet, sondern ein neues Leben in Christus, das Herzen und Geschichte zu verwandeln vermag.
Mit einer Ansprache an die Kardinäle eröffnete Leo XIV. das Konsistorium und griff dabei erneut die in seiner Predigt bereits dargelegte enge Verflechtung von apostolischem Gedächtnis, Mission und Synodalität auf. Nach der Vorstellung der Themen der Sitzungen – Weltanschauung, Kultur der Macht und Zivilisation der Liebe, Beitrag zum Gemeinwohl im Lichte der Enzyklika „Magnifica Humanitas“ und Umsetzung der Synode – betonte der Papst, dass es sich hierbei nicht um voneinander getrennte Bereiche handle, sondern um tiefgreifende Zusammenhänge, die in einer einzigen Frage zusammenlaufen: „Wie können wir unseren Kirchen heute helfen , das Evangelium mit größerer Treue, Freiheit und Glaubwürdigkeit zu verkünden?“. So erscheint das Konsistorium als ein Prozess missionarischer Unterscheidung.
Papst Leo XIV. stellte klar, dass Mission nicht nur eine der vielen Aufgaben der Kirche ist, sondern das Kriterium, das jeder Entscheidung zugrunde liegt. „Mission ist nicht eine der vielen Aufgaben der Kirche“, so Papst Leo wörtlich. „Sie ist ihr Existenzgrund“, bekräftigte er und forderte das Kardinalskollegium auf zu prüfen, ob pastorale Entscheidungen, Strukturen und Führungsstile Gemeinden tatsächlich offener für die Verkündigung des Evangeliums machen. Die vom Papst gestellte Frage „Wie können wir unseren Kirchen helfen?“ ist nicht abstrakt und bedeutet konkret zu untersuchen, wie die Beziehung zur Welt, die Kritik an Machtstrukturen, das Streben nach dem Gemeinwohl und der synodale Weg die Evangelisierung stärker in Christus verwurzeln, sie freier von Ängsten und Eigeninteressen machen und sie in den Augen der Menschen unserer Zeit glaubwürdiger gestalten.
Aus dieser Perspektive werden die drei vom Papst genannten Begriffe – Treue, Freiheit und Glaubwürdigkeit – zu Kriterien missionarischer Hermeneutik. „Treue“ verweist auf die apostolische Quelle und auf den vom Papst betonten „Prinzip von Gnade und Glaube“: Das Evangelium treu zu verkünden bedeutet, mit Christus verbunden zu bleiben und das lebendige Wort die Predigt, die Feier der Sakramente und den Dienst am Volk Gottes prägen zu lassen. „Freiheit“ erinnert an die wahre Freiheit von Petrus und Paulus, die aus einer persönlichen Beziehung zum Herrn erwächst und von Furcht befreit: Für die Kardinäle bedeutet sie die Bereitschaft, sich vom Heiligen Geist bekehren zu lassen, die Wahrheit in brüderlicher Parrhesia zu verkünden und sich nicht in Machtstreben oder Selbsterhaltungstrieb zu flüchten. Schließlich verbindet „Glaubwürdigkeit“ die Verkündigung direkt mit dem Zeugnis: Die Enzyklika Magnifica Humanitas, die Verurteilung der Kriege und der Vorschlag für eine „Zivilisation der Liebe“ zeigen, dass die Verkündigung des Evangeliums an Kraft verliert, wenn sie sich nicht in einem Lebensstil, einer Regierungsführung und einer öffentlichen Präsenz niederschlägt, die die gute Nachricht von Christus in der Geschichte sichtbar macht.
Daraus ergibt sich auch der enge Zusammenhang zwischen Mission und Synodalität. Der Papst betonte, dass Synodalität und Kollegialität „Formen christlicher Brüderlichkeit“ seien und dass die Autorität des Primats „denen zusteht, die zuhören und daher führen, denen, die lernen und daher lehren“. Die für die Arbeit des Konsistoriums vorgeschlagene synodale Methode – gegenseitiges Zuhören, Teilen der Verantwortung und gemeinsames Suchen nach Gottes Willen – ist somit Teil dieser missionarischen Hermeneutik: Eine Kirche, die das Evangelium mit größerer Treue, Freiheit und Glaubwürdigkeit verkünden will, lernt gemeinsam zu unterscheiden und sich vom Heiligen Geist leiten zu lassen. Auf diesem Weg bieten die Impulse der Enzyklika „Magnifica Humanitas“ und des Apostolischen Schreibens „Evangelii Gaudium“, dessen Wiederbelebung Papst Leo in einem Brief an die Kardinäle im April vorgeschlagen hatte, den Kardinälen eine wichtige Orientierungshilfe für das Nachdenken über den Dienst am Evangelium und an der Menschheit im gegenwärtigen Kontext.
(Fides, 26/06/2026)