Zwischen politischem „Neomessianismus“ und augustinischem Realismus: Das Lehramt von Papst Leo XIV. mit Blick auf die internationale Politik und die globalen Szenarien

Dienstag, 23 Juni 2026 lehramt   geopolitik   papst leo xiv.   theologie  

Rom (Fides) – Ein Jahr nach der Wahl von Papst Leo XIV. bot eine öffentliche Konferenz an der Päpstlichen Universität Gregoriana eine der ersten umfassenden Analysen seines Pontifikats im Hinblick auf internationale Politik und die Diplomatie des Heiligen Stuhls.
Die Veranstaltung fand im Rahmen des „Rome Summer Seminar on Religion and Global Politics“ statt. Sie wurde von der „Scuola Sinderesi“ unter der Schirmherrschaft des „Centro Alberto Hurtado Fede e Cultura“ organisiert und verband historische Rekonstruktionen mit einer theologisch-politischer Analyse.
Erzbischof Samuele Sangalli, beigeorneter Sekretär des Dikasteriums für die Evangelisierung und Koordinator der „Scuola Sinderesi“, eröffnete die Veranstaltung mit den Worten: „Gut ein Jahr nach seiner Wahl erscheint es besonders angebracht, innezuhalten und und mit den Auswirkungen des Pontifikats von Papst Leo XIV. auf die Weltpolitik zu befassen“ und zu fragen, „welche Gestalt das Petrusamt unter Papst Leo XIV. angesichts der tiefgreifenden Umwälzungen in der internationalen Politik annimmt“. Der Erzbischof betonte, dass der Heilige Stuhl berufen sei, „jene grundlegenden menschlichen und spirituellen Werte zu bewahren, ohne die das menschliche Zusammenleben weder besser wird noch künftigen Generationen Gutes bringen kann“.
Die Hauptrede hielt der Historiker Massimo Faggioli, der das erste Jahr von Leo XIV. im Kontext einer sich rapide verschlechternden internationalen Ordnung betrachtete. Faggioli erinnerte an eine Reihe von Krisen zwischen Januar und Februar 2026 – von der Militäroperation in Venezuela über die Bedrohungen gegen Grönland und Kuba bis hin zu bewaffneten Aktionen gegen den Iran und dem Wiederaufflammen des Konflikts im Libanon – als den Moment, in dem „wir eine Art zweiten Anfang“ des Pontifikats in Bezug auf die dringenden Probleme erlebten, die durch die aktuellen globalen Ereignisse in den Vordergrund gerückt wurden.
Im Zentrum der Analyse stand das Beharren von Papst Leo XIV. auf Multilateralismus. Mit einem Zitat aus der päpstliche Ansprache an das Diplomatische Korps vom 9. Januar stellte Faggioli fest: “Eine Diplomatie, die den Dialog fördert und den Konsens aller sucht, wird durch eine Diplomatie der Stärke, durch einzelne Staaten oder Gruppen von Verbündeten ersetzt“. In derselben Ansprache warnte Leo XIV., dass „Das nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegte Prinzip, das es Ländern verbot, Gewalt anzuwenden, um die Grenzen anderer zu verletzen, ist gebrochen worden“ und dass Frieden zunehmend „mit Waffen als Voraussetzung für die Durchsetzung der eigenen Herrschaft“ angestrebt werde, was schwerwiegende Beeinflussung der Rechtsstaatlichkeit darstelle.
Faggioli lenkte die Aufmerksamkeit anschließend auf den offenbar ungewöhnlichen und sehr kurzen Besuch des Papstes im Fürstentum Monaco. Er wiederholte ein längeres Zitat von Kardinal Pietro Parolin, in dem der Staatssekretär die Bedeutung kleiner Staaten als „natürliche Hüter des Multilateralismus“ für den Heiligen Stuhl hervorhob. Laut Parolin sei „für kleine Staaten ist das Recht keine Last, sondern die wichtigste Garantie für Überleben und Freiheit“, und internationale Bedeutung messe sich heute „nicht mehr nur an militärischer Stärke, sondern auch an moralischer Glaubwürdigkeit und der Fähigkeit, als neutrale Brücken für Versöhnung zu wirken“. Für Faggioli lässt diese Betonung den vermeintlichen Protokollbesuch wie eine programmatische Geste zugunsten einer „Pax Vaticana“ erscheinen, die sich sowohl von der antiken „Pax Romana“ als auch von der modernen „Pax Americana“ unterscheidet.
Der Vortrag befasste sich auch mit der ersten Enzyklika von Papst Leo XIV. „Magnifica Humanitas“ zur künstlichen Intelligenz. Faggioli hob hervor, dass die Rezeption bemerkenswert gewesen sei, selbst bei „ungewöhnlichen Gesprächspartnern der katholischen Kirche“, und alle hätten bemerkt, wie der Heilige Stuhl „sich in diesem Wettlauf um die KI, der in erster Linie ein Wettlauf zwischen den Vereinigten Staaten und China ist, Gehör verschafft“. Gleichzeitig deutete Faggioli an, dass der Text „eine gewisse Einsamkeit des Heiligen Stuhls bei der Behandlung von Themen offenbart, die einst von internationalistischen oder sozialistischen Parteien behandelt worden wären“, sodass die katholische Kirche „mit ihrer internationalen Natur“ auf einzigartige Weise die letzte dem „Internationalismus“ verpflichtete Stimme sei.
Aus europäischer Sicht verwies Faggioli auf jüngsten Besuch von Papst Leo XIV. in Spanien und seine Rede im spanischen Parlament als eine Art „große Öffnung“ des Pontifikats gegenüber dem Kontinent, mit „zahlreichen Bezügen zur Rede Papst Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag“, in einer Zeit, in der sich Europa „von seinem langjährigen Verbündeten, den Vereinigten Staaten, verwaist oder, schlimmer noch, bedroht fühlen“ könnte.
In der darauf folgenden lebhaften Debatte, an der auch Professor Michael Driessen von der „John Cabot University“ und Dr. Antonella Piccinin von der „Notre Dame University“ teilnahmen, ordnete der Politikwissenschaftler Fabio Petito die Enzyklika „Magnifica Humanitas“ in ein umfassenderes Streben nach einem „neuen Multilateralismus“ ein. Seiner Ansicht nach signalisiert das Dokument, dass der Heilige Stuhl beabsichtigt, „der Neudefinition der Menschenwürde in der künftigen globalen Ordnung Gewicht und zentrale Bedeutung beizumessen“. Er betonte, dass eine zukünftige Weltordnung, die sowohl gerecht als auch friedlich ist, über ein einfaches „Gleichgewicht der Kräfte“ zwischen großen Staaten hinausgehen müsse und stattdessen auf einem erneuerten „ius gentium“, einem „neuen interkulturellen ius gentium“, basieren müsse, das in der Lage sei, die Perspektiven aufstrebender Zivilisationen und religiöser Traditionen zu integrieren.
Ein weiterer Redner, der deutsche Religions- und Politikwissenschaftler Adrian Pabst, hob die theologischen Grundlagen des Ansatzes von Papst Leos XIV. hervor bekräftigte dessen Realismus, der mit Augustinus’ Geschichtserfahrung verbunden ist. Für Augustinus und Papst Leo XIV., so Pabst, bestehe Realismus darin, „nach Wegen zu streben, die irdische Stadt immer mehr dem Gottesstaat anzunähern“, geleitet vom „Ordo amoris“, der „Ordnung der Liebe“. Aus dieser Perspektive seien politische und rechtliche Strukturen aufgerufen, von Nächstenliebe durchdrungen zu sein: „Der Realismus, den Papst Leo XIV. wie seine Vorgänger vertritt, ist eine Ordnung, die nicht auf Macht, nicht allein auf Recht, sondern tatsächlich auf Liebe gründet.“
Die Teilnehmer stellten Fragen zu den jüngsten Äußerungen des Papstes hinsichtlich der Unzulänglichkeit der traditionellen Kategorien des „gerechten Krieges“, seinem konsequenten Eintreten für Gewaltlosigkeit und Abrüstung sowie seiner wiederholt geäußerten Bereitschaft, dem Heiligen Stuhl ein neutrales Forum für den Dialog in laufenden Konflikten anzubieten. Mehrere Redner betonten in diesem Zusammenhang, dass solche Initiativen sowohl eine klare moralische Position als auch geduldige diplomatische Neutralität voraussetzen, ganz im Sinne der Tradition der vatikanischen Diplomatie.
Abschließend bekräftigte Faggioli, das erste Jahr des Pontifikats von Leo XIV. habe bereits erste Anzeichen einer „Pax Vaticana“ aufgezeigt, die auf Multilateralismus, Rechtsstaatlichkeit und einem explizit theologischen Politikverständnis beruhe. Gleichzeitig warnte er jedoch: „Wir befinden uns wahrlich in einer neuen Ära, einer neuen Epoche“, geprägt vom Wiederaufleben „politischer Messianismen“ und neuen Formen religiösen Nationalismus. In diesem Zusammenhang fügte er hinzu: „Unwissenheit ist das Letzte, was uns retten kann – Unwissenheit über die Theologie, über ihre Bedeutung und so weiter.“ Auch deshalb blieben Initiativen für das Studium und der Dialog zwischen Glaube und Weltpolitik weiterhin wichtig.
(MLK) (Fides 23/6/2026)


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