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Von Marie-Lucile Kubacki
Rom (Fides) - In der Schule der Apostelgeschichte haben die Kardinäle Jean-Paul Vesco, Erzbischof von Algier, und Giorgio Marengo, Apostolischer Präfekt von Ulan Bator, im Gespräch Fides ihre Erfahrungen in Algerien und in der Mongolei geschildert. Zwischen der Sahara und der Gobi-Steppe beschreiben sie eine Mission, die nicht als Aktivismus verstanden werden darf, sondern als demütige, beziehungsorientierte und hoffnungsvolle Präsenz, die berufen ist, das Evangelium in Gesellschaften zu verkünden, die nicht vom Christentum geprägt sind.
In seinem Brief an die Kardinäle vom April spricht Papst Leo XIV. im Hinblick auf die Sendung der Kirche von der «Notwendigkeit, das Apostolische Schreiben ‚Evangelii gaudium‘ neu zu beleben». Wie klingt für Sie das Wort «Mission»?
Kardinal Jean-Paul Vesco: Für mich klingt das Wort «Mission» zunächst wie eine Frage: «Warum sind wir hier? Warum bleiben wir? Was wollen wir leben?» Ich glaube, dass diese Frage nach dem „Warum“ fruchtbarer ist als die nach dem «Wie». In einem Land zu leben, in dem unsere Kirche eine Minderheit ist und rechtlichen Einschränkungen unterliegt, hat mich gelehrt, dass sich die Mission nicht an der Menge dessen misst, was wir tun, und auch nicht an der Sichtbarkeit unserer Initiativen, sondern an der Wahrhaftigkeit unserer Präsenz und an der Qualität unserer Hoffnung. Ich vergleiche unsere Kirche oft mit einem Menschen mit einer Behinderung: Von außen sieht man vor allem, was er nicht tun kann; aber was er tut, hat seinen Preis. Ebenso ist Mission keine Leistung, sondern Treue. Das Wesentliche geschieht nicht zuerst durch Worte. Wir verkündigen einen gekreuzigten Messias durch das, was wir sind, durch unsere Weise, Beziehungen zu leben, im Respekt vor dem Glauben des anderen. Mission besteht für mich darin, unsere Hoffnung durchscheinen zu lassen, oft auf diskrete, beinahe zerbrechliche Weise …
Kardinal Giorgio Marengo: Wenn ich das Wort «Mission» höre, denke ich im Licht von „Evangelii gaudium“ vor allem an eine Beziehung: an die Beziehung zwischen dem, der sendet, und dem, der gesandt ist. Das Substantiv «Mission» kommt vom lateinischen Verb „mittere“, senden. Es setzt eine lebendige Beziehung zwischen dem, der sendet, und dem, der gesandt ist, voraus. Es heißt nicht einfach: «Erledige mir bitte diesen Auftrag, bring dieses Buch»; es geht um etwas anderes. Die Mission wird auf einer tiefen Ebene gelebt, dort, wo wir uns selbst hingeben; sonst laufen wir Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben, zu «tun» und das «Sein» zu vernachlässigen. In einem Kontext wie der Mongolei, wo die ausdrückliche Verkündigung geregelt ist und die Kirche sehr klein, nimmt die Mission das Gesicht von Diskretion und Nähe an. Ich zitiere oft die Beobachtung einer mongolischen Katechistin, die eines Tages sagte: „Am Anfang hat die Kirche in der Mongolei keine Bücherpakete geschickt, sondern Menschen“. Mission wird in dieser demütigen, beziehungsorientierten Präsenz gelebt, die es Christus ermöglicht, die Herzen durch ganz einfache menschliche Vermittlungen zu erreichen.
Sie leben beide in Ländern, die von großen Wüsten geprägt sind – der Sahara oder der Gobi. Wie hat diese Erfahrung Ihre Art, die Mission zu verstehen, geprägt?
Kardinal Jean-Paul Vesco: In Algerien ist tatsächlich der größte Teil des Landes Wüste. Aber 80% der Bevölkerung leben auf 20% des Territoriums: Die Wüste ist riesig, aber nur dünn besiedelt. Als ich Anfang der 2000er-Jahre ankam, lebte ich anderthalb Jahre in Béni-Abbès, dort, wo Charles de Foucauld sein erstes Eremitenkloster gegründet hatte, um Arabisch zu lernen. In gewissem Sinn war er es, der mich nach Algerien geführt hat. Dort habe ich wirklich die Erfahrung der Wüste gemacht: die Unermesslichkeit, die Begegnung mit den Nomaden … Ich glaube, das war das glücklichste Jahr meines Lebens. Es ist mein verlorenes Paradies. Als ich zum Provinzial der Dominikanerprovinz Frankreich gewählt wurde und innerhalb von vierundzwanzig Stunden zurückkehren musste, während ich als Generalvikar der Diözese Oran tätig war, geriet ich in eine existenzielle Krise. Eines der Anzeichen war, dass ich mich nicht mehr an Charles de Foucauld wenden konnte, den ich in Algerien zurückgelassen hatte: Ich hatte den Eindruck, ihn verloren zu haben. Eines Tages ging ich in Paris in die Kirche Saint-Augustin, genau dort, wo er sich bekehrt hatte. Als ich das Gebet der Hingabe wieder las, kehrte der Friede in mir zurück: Ich verstand, dass ich wieder glücklich sein konnte, wo immer ich war – in Paris oder anderswo – mit Charles de Foucauld. In der Wüste braucht man einen Führer. Ich bin viel mit einem befreundeten Nomaden gegangen, dem ich nur schwer folgen konnte, und ich habe den Unterschied zwischen «jemandes Spuren folgen» und «in seine Fußstapfen gehen» verstanden. Als es mir gelang, meine Schritte in seine Fußstapfen zu setzen, war alles anders: Ich hatte seine Energie. Da sagte ich mir: Christus nachfolgen und in seinen Fußspuren gehen, das sind zwei verschiedene Dinge. Mission ist für mich, nach und nach zu lernen, in seinen Fußstapfen zu gehen, statt sich darauf zu beschränken, seiner Spur zu folgen.
Kardinal Giorgio Marengo: Als ich Bischof wurde, erhielt ich, da die Kirche in der Mongolei noch keine Diözese, sondern ein Apostolisches Vikariat ist, den Titel einer alten Diözese, die es nicht mehr gibt: Castra Severiana in Algerien. Ich war glücklich, mit diesem Teil der Welt, mit der Wüste und mit Charles de Foucauld verbunden zu sein. Ich habe nicht in der Wüste gelebt, aber ich habe vierzehn Jahre in einer Region der Mongolei verbracht, die ganz in der Nähe der Gobi-Wüste liegt, der größten Kältewüste der Welt. Dort hat Teilhard de Chardin geforscht und seine Meditation «Die Messe über die Welt» verfasst. Ich bin oft dorthin gefahren, zu Besuchen und Erkundungsreisen. Für mich ist die Wüste vor allem die Erfahrung der Leere: die unermessliche Weite des Raumes. Wenn ich mitten in der Wüste bin, fühle ich mich eingeladen, auf eine höhere Ebene zu gehen, weil die wenigen Beziehungen dazu führen, dass alles mehr Gewicht erhält. Man kann Gespräche führen, die in der Stadt schwieriger sind, weil sich jeder stärker öffnet. Unermesslichkeit und Intimität gehören zusammen. Man spürt seine eigene Kleinheit, und paradoxerweise sind die Schatten am Morgen und am Abend sehr lang, weil die Sonne sehr tief am Horizont auf- und untergeht. Es ist, als wären wir zu etwas Größerem berufen, als wir uns vorstellen. Das prägt meine Art, Mission zu verstehen: weniger als Vielzahl von Initiativen und mehr als einige sehr dichte Beziehungen, in jener Leere, die alles kostbarer macht.
Heute leben Sie in großen Hauptstädten. Wie verändert die Stadt die Art, die Mission zu leben, im Vergleich zur Wüste?
Kardinal Jean-Paul Vesco: Für mich ist die Wüste in der Stadt. Ich habe die Oase Béni-Abbès als einen Ort sehr intensiver Geselligkeit erlebt, an dem man ständig in Beziehung steht. In Oran ist es schon anders, und je größer die Stadt wird, desto mehr wird sie für mich zu einer Wüste: Die Menschen sind isolierter, es ist schwieriger, in Beziehung zu treten. Christ zu sein in einer muslimischen Gesellschaft ist in Béni-Abbès viel einfacher als in Algier. Denken wir an die Erfahrung von René Voillaume, dem Gründer der Kleinen Brüder Jesu nach den Regeln von Charles Foucauld. In dem Wunsch, dem Beispiel Charles de Foucaulds zu folgen, ging er nach El Abiodh Sidi Cheikh in der Wüste und gründete dort ein Kloster. Aber nach dem Krieg begriffen die Brüder, dass die Wüste in der Stadt ist, dort, wo sich die Armut findet, und die Foucauld-Familie vollzog einen vollständigen Spiritualitätswechsel. Mission besteht für uns dann darin, diese «städtischen Wüsten» zu bewohnen, die aus Einsamkeit und Beziehungsarmut bestehen.
Kardinal Giorgio Marengo: Für mich ist es leichter, in der Wüste als in der Stadt in Beziehung zu Gott zu sein. Das heißt nicht, dass es unmöglich wäre, aber in der Wüste wird man durch Landschaft und Kontext unterstützt. Man ist von Natur aus eher zum Nachdenken bereit, während man sich in der Stadt leicht ablenken lässt. Städte sind Orte großer Einsamkeit, aber es handelt sich oft um eine negative Einsamkeit mitten in der Menge, während man in der Wüste eine positive Einsamkeit erfahren kann. Ulaanbaatar ist zum Beispiel eine stark überlastete Stadt. Nach den 2000er-Jahren hat sie ein starkes Bevölkerungswachstum erlebt: Heute lebt die Hälfte der Bevölkerung des Landes auf engem Raum, denkt aber weiterhin in nomadischen Kategorien. Die Herausforderungen des Zusammenlebens sind groß. Ich bin überzeugt, dass man im Herzen der Städte Räume der Stille braucht, Möglichkeiten, ein Wort der Weisheit zu hören. Die buddhistischen Klöster, die in der Hauptstadt verstreut sind, sind für die Menschen Orte intensiver Besinnung. In der Kirche wünschen wir uns, dass auch unsere Pfarreien Orte des Friedens und der Begegnung mit Gott und untereinander sind. Das ist meiner Ansicht nach die erste Berufung der Pfarreien in den Städten von heute.
In Ihren Ländern geht es nicht um Proselytismus, und die Kirchen leben mit starken rechtlichen und kulturellen Beschränkungen. Wie definieren diese Grenzen die Mission neu?
Kardinal Jean-Paul Vesco: Wenn man mir sagt: «Sie sind eingeschränkt», ist der Ton oft abwertend, und das erscheint mir nicht angemessen. Ich nehme zwei Beispiele. Das erste ist das klassische Ballett. Die Tänzerinnen erwecken den Eindruck, einen Körper ohne Grenzen zu haben, in aller Leichtigkeit, aber das geschieht um den Preis einer ungeheuren Arbeit innerhalb eines äußerst strengen Rahmens. Das zweite Beispiel ist das der Menschen mit Behinderung, von denen ich vorhin gesprochen habe. Für mich gehören diese beiden Beispiele zusammen. Gibt es in meiner Evangelisierungsmission vielleicht etwas Wesentliches, das ich in Algerien nicht tun könnte? Im Grunde sehr wenig! Wir verkündigen durch das, was wir sind, und durch unsere Hoffnung.
Kardinal Giorgio Marengo: Ich finde mich in dem wieder, was du sagst. Die Frage der Einschränkungen hilft uns, mit dem Wesentlichen in Kontakt zu bleiben. Mitunter, wenn man meint, alles tun zu können, läuft man Gefahr, sich zu verlieren und sich in einer Vielzahl von Aktivitäten zu verausgaben. In diesem Sinn ist es paradoxerweise ein Weg zu größerer Freiheit, seinen Glauben in einem Minderheitenkontext mit stärkeren äußeren Beschränkungen zu leben. Es drängt uns dazu, an dem festzuhalten, was wirklich wesentlich ist. Die rechtliche und kulturelle Begrenzung wird zu einer indirekten Hilfe, um zu dem vorzudringen, was wirklich zählt.
Kann man noch von Mission sprechen, wenn die ausdrückliche Verkündigung eingeschränkt ist und alles mit großer Diskretion geschehen muss?
Kardinal Jean-Paul Vesco: Ich kann Mission nicht auf die Dialektik von explizit/implizit reduzieren. Was ich weiß, ist, dass ich in Algerien viel öfter von Gott spreche als in Europa, weil die Menschen mich viel häufiger und ohne Unterlass fragen. Die wichtigste Frage ist für mich die nach der Wahrheit, die ich im Glauben des anderen anerkenne. Ich denke an den Satz von Pierre Claverie: «Ich bin gläubig, ich glaube, dass es einen Gott gibt, aber ich maße mir nicht an, diesen Gott zu besitzen … Gott besitzt man nicht. Man besitzt die Wahrheit nicht, und ich brauche die Wahrheit der anderen.»
In meiner konkreten Erfahrung bedeutet «diskret» wenig sichtbar, aber auch respektvoll. Unsere Präsenz ist diskret, weil sie die Stimme des anderen respektiert. Diskretion kann ein Zeichen von Feinheit, Respekt und Realismus sein: nicht die eine Frage zu viel zu stellen, die ein gerade entstehendes Vertrauensverhältnis zerbrechen würde. Ich denke an mein erstes Weihnachten in Algerien: kein äußeres Zeichen auf den Straßen, und doch in unseren Gemeinden eine sehr große Freude, an die viele gerne zurückdenken. Als ich nach Frankreich zurückkehrte, sagte ich mir: Endlich ein traditionelles Weihnachten! Und trotzdem fehlte mir das algerische Weihnachten, das unvergleichlich ist.
Oft wirft man uns vor, wir betrieben Sozialarbeit, ohne von Christus zu sprechen. Wir verbieten es uns nicht. Ich liebe diesen Satz von Desmond Tutu: «Mein Leben ist das Evangelium, das viele Menschen lesen werden.» Es geht nicht darum, unaufhörlich von ihm zu reden, sondern ihn durch unser Leben sichtbar zu machen. Und in der Frage, die im anderen aufkommt – «Warum sind Sie hier?» – liegt, so glaube ich, eine große missionarische Kraft.
Kardinal Giorgio Marengo: Ich kenne dieses Zitat von Pierre Claverie gut, den ich sehr bewundere. Jedes Jahr überlegen wir mit den Missionaren neu, dass die Mission auf einer tiefen Ebene gelebt werden muss, indem wir einen Teil von uns selbst hingeben; sonst laufen wir Gefahr, an der Oberfläche zu bleiben, zu «tun» und das «Sein» zu vernachlässigen.
Macht es Sinn, von Mission zu sprechen, wenn die Verkündigung so begrenzt ist? Die Antwort ist ja, wie Papst Franziskus in „Evangelii gaudium“ erklärt hat. Mission ist nicht in erster Linie ein äußeres Tun, sondern eine demütige, beziehungsorientierte Präsenz, getragen von der Freude des Evangeliums. Im Westen habe ich manchmal festgestellt, dass man Entwicklungsprojekte gerne annimmt, aber irritiert ist, wenn man sagt: «Wir sind hier um Christi willen.» Wichtig ist, zu dieser Beziehung zu Christus zurückzukehren. Wie eine unserer Katechistinnen, Rufina, sagte: «Die Kirche hat Menschen gesandt, keine Pakete mit Büchern.» Wenn Mission nur darin bestünde, eine Botschaft zu verbreiten, würde es genügen, allen eine SMS zu schicken. Aber Mission ist viel schöner: Sie ist eine lebendige Beziehung mit Christus, der uns so annimmt, wie wir sind, und uns hineinnimmt in einen Kreislauf der Liebe, der Freude und der Fülle.
In Europa hat der Glaube Kathedralen errichtet; in der Mongolei leben die Nomaden in leichten Strukturen wie der Jurte. Welche Gestalten von Kirche erscheinen Ihnen heute für die Mission am passendsten?
Kardinal Jean-Paul Vesco: Ich denke an Frère Roger Schutz, den Gründer der Gemeinschaft von Taizé. Am Anfang versammelten sich die Brüder in der kleinen romanischen Dorfkirche. Dann kamen auf geheimnisvolle Weise junge Leute, und ein Bruder, der Architekt war, begann, eine Betonkirche zu bauen. Eines Tages kam Frère Roger, um die Baustelle zu sehen, und ging wütend wieder weg, weil er fand, dass alles zu starr geworden war. Doch einige Wochen vor Ostern merkten die Brüder, dass die Kirche zu klein war. Der Architekt sagte: «Es gibt nur eines zu tun: die Fassade einreißen.» Seitdem ist die ursprüngliche Steinstruktur geblieben, ergänzt durch einen anpassbaren Teil. Das ist es, was Frère Roger die «Dynamik des Provisorischen» nannte. In Algerien ist unser Verhältnis zum Ort besonders: Die erste Evangelisierung fand vor Augustinus statt, dann kamen Islamisierung und Kolonialisierung. Die meisten Kirchen, die es gab, sind Ruinen oder in Moscheen umgewandelt. Wir leben zwischen Spuren eines Erbes und gegenwärtiger Zerbrechlichkeit. Beide Dynamiken, die des Steins und die des Zeltes, sind wichtig. Architektur ist auch eine Weise zu existieren; sie ist eine Form von Macht. Wenn man eine Kathedrale baut, ist unvermeidlich auch das Ego derer im Spiel, die sie errichtet haben. Und zugleich gibt es die Transzendenz, die Schönheit, die das Gebet trägt. Aber was ist angemessen und was nicht? Das ist eine ständige Unterscheidungsaufgabe.
Kardinal Giorgio Marengo: Für junge Kirchen ist es wichtig, auf jene Gesellschaften zu schauen, in denen der christliche Glaube Kunst, Musik und Sakralarchitektur geprägt hat. Eine der Auswirkungen der Evangelisierung ist, dass die Begegnung mit Christus nicht nur das Leben einzelner Menschen formt, sondern auch einen Lebensstil sowie politische und künstlerische Entscheidungen prägt. Zugleich schätze ich die Idee der «Vorläufigkeit» und der Leichtigkeit, die der mongolischen Nomadenkultur mit ihrer Schlichtheit eigen sind: kein übermäßiger Geldaufwand für die Unterhaltung von Gebäuden. Die Gefahr für uns Missionare besteht darin, anzukommen und sofort zu bauen. Wir kommen aus Zusammenhängen, in denen Kirche auch ein physischer Ort ist, und manchmal bauen wir zuerst die Gebäude, in der Annahme, die Gemeinschaft werde dann nachfolgen. In der Mongolei sind wir 64 Missionare aus 29 verschiedenen Nationen: Jeder trägt sein Kirchenmodell aus der Heimat in sich und möchte es mitunter reproduzieren. Der Wunsch, schöne Kirchen zu errichten, entspringt einer sehr guten Absicht. Aber für mich bleibt eine offene Frage: Wie verbinden wir die Leichtigkeit und das Provisorische, die sehr gut mit der mongolischen Kultur harmonieren, mit der positiven und legitimen Dimension eines stabilen Gottesdienstraums? Vielleicht sollten wir, hybride Formen erfinden.
Letzte Frage: Sie leben beide in Kirchen, die noch am Anfang stehen, auch wenn beide von einer alten Präsenz gezeichnet sind. Inwiefern kann die Urkirche, die der Apostelgeschichte, eine Inspirationsquelle sein?
Kardinal Jean-Paul Vesco: Es stimmt, dass unsere Kirche der Kirche der Anfänge in der Apostelgeschichte ähnelt, und diese Feststellung trägt uns sehr. Wie die frühe Kirche streben wir danach, ein Herz und eine Seele zu sein; und wie sie werden wir von Zerreißproben, Konflikten, Misstrauen, Eifersucht durchzogen. Wie sie haben wir regelmäßig den Eindruck, wieder ganz von vorne anfangen und neu aufbauen zu müssen, und wir nehmen die Schwierigkeiten, von denen sowohl die Apostelgeschichte als auch die Paulusbriefe sprechen, sehr konkret und leibhaftig wahr. Wie in der ersten Zeit der Kirche staunen wir darüber, was der Geist im Leben der Menschen auf eine menschlich unerklärliche Weise bewirken kann. Und zugleich sehen wir den Spalter im Inneren unserer Gemeinschaft am Werk. Unter der sehr kleinen Zahl algerischer Christen in unserer Kirche sind in den letzten drei Jahren vier verstorben, darunter einer unserer beiden Seminaristen, den wir als Gottesgeschenk empfangen hatten. Zwei in der Osternacht 2025 Getaufte sind innerhalb von sechs Monaten nach ihrer Taufe heimgegangen, und eine andere wurde zwei Tage nach der Bitte um die Taufe bei einem unwahrscheinlichen Haushaltsunfall schwer verletzt. Das ist wohl die Gnade der Anfänge: diese Anfechtungen des Bösen und zugleich die Kraft des Hauchens des Geistes gleichsam in Echtzeit zu erleben.
Beim Besuch des Heiligen Vaters im vergangenen April hoffte ich, ihm ein sonniges, lächelndes Algerien zu zeigen. Stattdessen hat ein Toben der Elemente einen Teil dessen, was wir vorbereitet hatten, hart auf die Probe gestellt. Das hat mich verletzt, bis ich begriff, dass sich, weit entfernt von der Postkartenidylle, die ich mir gewünscht hatte, eine kleine Kirche mit brennendem Herzen, die gegen Wind und Wellen ankämpft, in ihrer ganzen Wahrheit zeigte.
Kardinal Giorgio Marengo: In der Mongolei beziehen wir uns oft auf die Apostelgeschichte als unsere Inspirationsquelle. Dort finden wir unsere tägliche Realität zwischen Licht und Schatten beschrieben, und daraus schöpfen wir Vertrauen und Hoffnung. Wir spüren stark die Verantwortung, die erste Generation von Christen zu begleiten, die uns mit der Frische ihres Glaubens viel zu geben hat. Besonders interessiert uns die Dynamik, von der das Buch berichtet, wenn das Evangelium der nichtjüdischen Welt verkündet wird. In diesen ersten Phasen der entstehenden Kirche reifte die Überzeugung, dass das Evangelium für alle ist und man sich daher auch an Völker wenden muss, die nicht direkt mit der Erfahrung Israels verbunden sind. Das erleben wir heute in der Begegnung mit den religiösen Traditionen Asiens. In der Schule der Apostelgeschichte spüren wir, dass wir berufen sind, «das Evangelium dem Herzen der Mongolei zuzuflüstern», durch ein einfaches und diskretes Zeugnis, das in Beziehungen echter Geschwisterlichkeit aufblüht.
(Fides 24/06/2026)