PAPSTBESUCH IN FRANKREICH/II - Hinter den Zahlen: Die „unentschlüsselbaren“ Erwartungen mit Blick auf den Besuch von Papst Leo XIV.

Mittwoch, 19 August 2026 papst leo xiv.   ortskirchen   mission   säkularisierung   volksfrömmigkeit  

Von Marie-Lucile Kubacki

Im Vorfeld des Besuchs von Papst Leo XIV. in Frankreich zeichnet sich ein außergewöhnliches Interesse ab.
Die verfügbaren Plätze für die Veranstaltungen anlässlich des Papstbesuchs sind zum Teil bereits ausgebucht. Die 80.000 Tickets für die Teilnahme an der Gebetsvigil mit Jugendlichen im „Stade de France“ waren in weniger als einer Stunde vergriffen, und über 200.000 Menschen haben sich seit Beginn der Anmeldung für die Messe registriert.
Diese Begeisterung hat zahlreiche Kommentare in konfessionellen und nichtkonfessionellen Medien hervorgerufen. „Wie bei Beyoncé: Warum junge Katholiken Leo XIV. wie einen Superstar erwarten“, titelt „Le Parisien“. „Ein wunderbares Zeichen für die Kirche in Frankreich“, kommentiert Bischof Étienne Guillet von Saint-Denis im Interview mit Fides.
Hier offenbart sich ein typisch französisches Paradoxon. Die Zahlen spiegeln, richtig interpretiert, die Komplexität und die Widersprüche – realer wie scheinbarer – eines säkularisierten Frankreichs wider, in dem die katholische Kirche dennoch weiterhin in der Lage ist, Massen zu mobilisieren.

Mit Vorsicht zu behandelnde Zahlen

Nur 1,8 % der französischen Bevölkerung besuchen wöchentlich die Messe (laut einer Ipsos-Umfrage von 2017), und nur 5 % tun dies regelmäßig. Unter den getauften Katholiken in Frankreich bezeichnen sich lediglich 6 % als gläubige und praktizierende Katholiken. Im Jahr 2021 sank der Anteil derjenigen, die sich als gläubig bezeichnen, in Frankreich unter 50 % (Ifop-Umfrage für Ajir 2022). Weniger als ein Viertel der jungen Franzosen bezeichnen sich als katholisch. Mehr als ein Drittel von ihnen betet nie (Bericht des „Institut Catholique de Paris“ und der „St. Mary’s University of Twickenham“: „Europe’s Young Adults and Religion“, Stephen Bullivant, 2018). 28 % der Getauften bezeichnen sich heute als „nicht katholisch“, und 40 % planen nicht, ihre Kinder taufen zu lassen, verglichen mit 25 % im Jahr 2012 (Ifop-Umfrage für die Zeitschrift „Mission“: «Les Français et le catholicisme», 2022).
Zu diesem Rückgang kommt auch der Rückgang der Berufungen hinzu, was den Historiker Guillaume Cuchet zu der Annahme veranlasst, dass es sich nicht mehr um eine individuelle Abkehr vom Glauben handelt, sondern vielmehr um eine Abkehr der zweiten oder dritten Generation, die den Zusammenbruch der familiären Weitergabe des Glaubens besiegelt („Comment notre monde a cessé d'être chrétien. Anatomie d'un effondrement“, Éditions du Seuil, 2018).
Gleichzeitig fühlt sich fast jeder zweite Franzose, also mehr als 32 Millionen Menschen, dem Katholizismus verbunden (Viavoice-Umfrage für das „Observatoire de la laïcité“, 2019). 57 Prozent der Bevölkerung pflegen weiterhin geistliche Praktiken außerhalb institutioneller Einrichtungen, wie beispielsweise das Anzünden von Kerzen in Kirchen; 44 Prozent besuchen regelmäßig Wallfahrtsorte; 39 Prozent beten zu Gott, der Jungfrau Maria oder den Heiligen. 23 % hinterlassen ihre Gebetsanliegen in den entsprechenden Registern (Ifop-Umfrage 2022). Darüber hinaus ist seit Frühjahr 2021 trotz des seit Jahrzehnten anhaltenden Rückgangs der Kindertaufen ein unerwarteter Anstieg der Taufanfragen junger Erwachsener zu verzeichnen.

Die Realität „unter dem Radar“

Der Blick auf die Statistiken lässt mehrere Schlussfolgerungen zu, die auch für die Mission lehrreich sein können.
Erstens wandelt sich der französische Katholizismus von einem vorherrschenden Kulturmodell hin zu einer fragmentierten Realität kleiner Gemeinden, einem „katholischen Archipel“, wie der Soziologe Yann Raison du Cleuziou es nennt. Dieser Beobachter der Transformationen des französischen Katholizismus erklärte in einem Interview: „Eine Volksreligiosität besteht fort und bleibt weitgehend unbemerkt, da sie nicht in die üblichen Kategorien passt, die in Umfragen zur Beschreibung des Katholizismus verwendet werden“. Er fügte hinzu: „In den Pfarreien lässt sich eine Rückkehr zu Andachtsformen beobachten, die in den 1960er Jahren als populär galten, insbesondere der Heiligenkult, die Marienverehrung oder die Herz-Jesu-Verehrung.“ Er präzisierte, dass diese Bewegung von zwei unabhängigen Trends getragen werde: der Zunahme praktizierender Katholiken aufgrund des Minderheitenstatus des Katholizismus mit seinen traditionelleren religiösen Vorstellungen und der Erneuerung der katholischen Basis durch Migrationsströme. „Katholiken, die aus Übersee, aus Afrika oder auch aus Mitteleuropa oder europäischen Mittelmeerländern kamen, belebten Andachtsformen wieder, die in Vergessenheit geraten waren“, erklärte er (La Vie, 2024).
Ein weiteres Phänomen, das Guillaume Cuchet eingehend analysiert, ist der Aufstieg der „SBNR“ (spiritual but not religious), der „spirituellen, aber nicht religiösen“. Diese Menschen identifizieren sich nicht mehr mit dem institutionellen Rahmen traditioneller Religionen (Kirchen, Dogmen, Gemeinschaftsriten) und pflegen oder entwickeln – insbesondere in der neuen Generation – auf der Suche, „passende“ individuelle spirituelle Überzeugungen oder Praktiken, die auch Elemente christlichen Ursprungs beinhalten können. Dies spiegelt sich in populären Produktionen wie Avatar wider, die Elemente des Schamanismus und biblische Themen miteinander verbinden. „Dieses Wachstum derer, die keiner Religion angehören, führt ein außergewöhnliche Unbekannte in unsere Religions- und Philosophiegeschichte ein“, schreibt Cuchet. „Wir können grob drei vorherrschende Profile unterscheiden: 1. Die ‚säkularen Konfessionslosen‘, zumeist Atheisten oder Agnostiker, deren Zahl stetig wächst; 2. Die ‚Grenzgänger‘ oder ‚vorübegehenden Konfessionslosen‘, die sich im Übergang zwischen zwei Zugehörigkeiten befinden und für die diese Position nur vorläufig ist; 3. Die ‚religiösen‘ oder ‚spirituellen Konfessionslosen‘, die zwar gläubig sind, sich aber keiner bestimmten Glaubensrichtung oder religiösen Institution zugehörig fühlen.“ Und er schlussfolgert: „Je nachdem, welche Untergruppe morgen dominiert, riskieren wir, sehr unterschiedliche spirituelle Welten vorzufinden“ („La montée des sans religion en Occident“, Études, 2019).

Die Lockrufe der Identität und des Neo-Idealismus

Deshalb müssen die Konzepte von „Minderheit“ und „Entchristianisierung“ mit Vorsicht behandelt werden, da sie sonst Gefahr laufen, den Wald vor lauter Bäumen zu verdecken und die missionarische Perspektive zu verzerren. Wie Yann Raison du Cleuziou in einem Artikel über neu getaufte Erwachsene analysiert, drückt die Bindung an Übergangsriten, Feste, Votivstätten oder architektonisches Erbe (etwa Dorfkirchen, ganz zu schweigen vom Brand von „Notre-Dame de Paris“ im Jahr 2019, der eine Welle nationaler Emotionen auslöste) eine Verbindung zum kollektiven Gedächtnis und zur lokalen Geschichte aus, sowie die Suche nach Transzendenz und sozialer Verbundenheit („Gemeinwohl“) angesichts von Individualismus und der Instabilität der Gegenwart. Manchmal nimmt diese Bindung jedoch eine „identitäre“ Dimension an, wenn das Erbe politisiert wird, um ein unumkehrbares nationales Wesen zu definieren und „Feinde“ zu benennen. Diese Versuchung ist insofern präsent, als ein Teil der praktizierenden Katholiken ein Gefühl des Niedergangs oder des „Minderheitenstatus“ des Katholizismus verspürt.
Sowohl die Frage der „Identität“ als auch der „spirituelle Purismus“ (der den Glauben von jeglicher Kultur abgrenzen will) sind laut der Analyse des Forschers zwei Seiten desselben Säkularisierungsprozesses. „Erliegen Katholiken, die das Evangelium allein dem historischen christlichen Erbe entgegensetzen, womöglich dem von Papst Franziskus in seinem Brief zur Geschichte angeprangerten ‚historischen Monophysitismus‘?“, fragt er. „Eine Spiritualität, die die Einzigartigkeit der Christusinkarnation so sehr verherrlicht, dass sie diese letztlich in einem unzugänglichen, ‚engelsgleichen‘ Ideal entkörperlicht, dem es außer einer Form der Prophetie keinen anderen Ausweg gibt, vor dem die Gesellschaft stets schuldig ist. Dieser Purismus überlässt die Politik selbsternannten Realisten und kann die Marginalisierung des Evangeliums fördern, das als elitärer Idealismus wahrgenommen wird.“
Er schlussfolgert: „Ein gewisser identitätsbasierter Zynismus ist vielleicht das Gegenteil eines spirituellen Purismus. Zwei radikal gegensätzliche und doch paradoxerweise feste Formen in ihrem Gegensatz zwischen Glaube und Kultur. Das Phantom der kulturellen Reinheit und der der spirituellen Reinheit teilen dieselbe Besessenheit von der Vermischung und damit von der Geschichte.“
Dies rückt das Verhältnis von Glaube, Religion und Kultur in den Mittelpunkt der missionarischen Dringlichkeit. „Ohne eine eingehende Auseinandersetzung mit diesem blinden Fleck“, so Raison du Cleuziou, „werden spirituelle Proteste weiterhin keinen wirklichen Einfluss auf die Entwicklungen haben, denen sie entgegenwirken müssen.“

Die Analysen, das Unerwartete und die Erwartungen der Herzen

Die Menschenmenge, die den Papst bejubeln wird, ist das Ergebnis dieser Geschichte des französischen Katholizismus, der in seiner jüngsten Form von den Paradoxien der Säkularisierung geprägt ist. Eine Situation, die zugleich sehr komplex und sehr einfach ist, denn die Kinder der „erstgeborenen Tochter der Kirche“, als die Johannes Paul II. Frankeich bezeichnete, erwarten heute wie gestern ein Wort, das in ihnen den Wunsch weckt, „ihr Leben zu etwas Großem zu machen“ und ihren Blick gen Horizont richtet.
(Fides 19/8/2026)


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