photo Manuel Lagos Cid
von Marie-Lucile Kubacki
SWährend sich das Bistum Saint-Denis darauf vorbereitet, Papst Leo XIV. bei seiner Frankreichreise (25.–28. September) zu einer Gebetswache mit Jugendlichen und Katechumenen im Stade de France zu empfangen, ist der Andrang so groß, dass die Anmeldeplattform direkt nach Freischaltung überlastet war. Die Kirche von Saint-Denis blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück, ist zugleich aber auch ein Ort des kirchlichen Aufbruchs – geprägt von einem Alltag in einem einfachen, teils armen, multiethnischen und multireligiösen Umfeld. Für Fides zeichnet der Ortsbischof Étienne Guillet das Porträt seiner kleinen, „so strahlenden“ Kirche, die durchaus ein echtes Laboratorium für die Weltkirche werden könnte.
Die Anmeldungen für die Gebetswache mit Papst Leo XIV. im Stade de France waren im Nu ausverkauft. Was offenbart dieser Ansturm?
Die erste Tranche war tatsächlich innerhalb von anderthalb Stunden ausgebucht! Die Anmeldeplattform war völlig überlastet, und viele Jugendliche suchen immer noch nach Karten – es gibt ganz offensichtlich eine riesige Erwartungshaltung. Das ist ein wunderbares Zeichen für die Kirche in Frankreich. Das Stade de France liegt in Saint-Denis: Wir freuen uns sehr, dass der Papst in dieses Bistum kommt, das etwas zu sagen hat und keineswegs bloß ein „Pariser Vorort-Anhang“ ist! Er wird in einer Region empfangen mit ganz eigener Geschichte, eigener Bevölkerung und einem kirchlichen Leben, das von einem besonderen Aufbruch und großer Kreativität geprägt ist. Vom Stadion aus sieht man die gesamte Basilika von Saint-Denis und das Dach ihres Kirchenschiffs.
Wie sieht das Profil der Erwachsenen aus, die heute im Département Seine-Saint-Denis um die Taufe bitten?
Das Lesen der Briefe, die vor Ostern an den Bischof gerichtet werden, ist für mich ein riesiges Geschenk. Manche schreiben eine halbe Seite, andere erzählen auf zehn Seiten aus ihrem Leben. Die größte Gruppe ist zwischen 18 und 25 Jahre alt, aber es gibt nicht das eine soziologische Profil. Ein Teil der Katechumenen ist in einem christlichen Umfeld aufgewachsen, ohne getauft worden zu sein: Eltern oder sehr oft die Großeltern haben ihnen das Gebet, das Evangelium oder den gewohnten Kirchgang vorgelebt. Bei Familien, die – etwa über Portugal – aus Kap Verde zugewandert sind, traten die Sakramente durch die Herausforderungen der Integration, der Sprache und des Umzugs zeitweise in den Hintergrund, weil anderes dringender war. Doch sobald sie Fuß gefasst haben, möchten diese jungen Menschen diesen Weg zu Ende gehen.
Andere hatten wiederum so gut wie keinen Kontakt zum Evangelium. Dennoch gibt es immer einen Anstoß: das Zeugnis eines Freundes, einer Kollegin, einer Schwägerin oder Nachbarin; eine Einladung zur Messe; eine Online-Suche. Die sozialen Netzwerke machen nicht alles aus, aber sie sind der Ort, an dem unsere Zeitgenossen ihre ersten Fragen stellen. Wir müssen dort also fundierte Antworten anbieten. Doch wie stellt man sicher, dass sie dort auch gehaltvolle, nährende Inhalte finden? Manchmal reichen auch schon eine offene Kirche, ihre Stille und ihre Schönheit aus, um einen Raum zu schaffen, in dem man Gott begegnen kann. Ein Mann erzählte mir, dass er nach einem sehr schweren Tag aus dem Pendlerzug einen Kirchturm sah, die Kirche betrat und dort einen ersten Frieden fand, der sein Leben verändert hat. Das fordert die Kirche heraus: Unsere Gotteshäuser müssen offen und gastfreundlich bleiben können. Doch aus Sicherheitsgründen oder Mangel an Personal bleiben immer mehr Kirchentüren geschlossen – selbst an stark frequentierten Touristenorten.
Spiegelt sich die religiöse Realität des Départements in diesen Lebenswegen wider?
Insgesamt stammen etwa 15 % der Briefe von Menschen, die aus einem muslimischen oder stark islamisch geprägten Umfeld kommen: Sie haben selbst die Moschee besucht oder ein Elternteil ist Muslim. Auch ihr Weg beinhaltet Begegnungen und Recherchen im Internet, sehr oft wird aber auch von einem Traum oder einem intensiven geistlichen Erlebnis berichtet. Das mag unsere westliche Rationalität verunsichern, aber Träume ziehen sich schließlich durch die gesamte Bibel!
Aus den Briefen geht auch hervor, dass viele Menschen aus der Mittelschicht und aus einfachen, französischstämmigen Verhältnissen kommen, die die Kirche zuletzt schwerer zu erreichen schien: Beamte, Angestellte, Handwerker. Ihre Präsenz relativiert die These, diese Taufen seien Ausdruck eines Identitätsstrebens oder eine Reaktion gegen eine andere religiöse Gruppe. Was diese Erfahrungsberichte beschreiben, ist kein ideologischer Kampf, sondern allen voran die Freude über die Begegnung mit Christus. Viele verorten ihr Glaubenserwachen in einer schweren Lebensphase – Trauer, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Entmutigung. In solchen Momenten begreifen sie auf existenzielle Weise, was „Jesus, der Retter“ bedeutet: kein abstraktes Konzept, sondern jemand, der einen am Rande des inneren Ertrinkens herauszieht und einem wieder den Wunsch gibt, voranzugehen und zu lieben.
Hat die muslimische Präsenz Einfluss auf das christliche Selbstbewusstsein?
In Seine-Saint-Denis haben die Muslime dazu beigetragen, dass es wieder unverkrampfter möglich ist, über Gott zu sprechen und zu seinem Glauben zu stehen. Die jungen Christen, die in der Minderheit sind, können offen und mit Freude sagen, dass sie Christen sind. Sie werden hinterfragt, manchmal herausgefordert, aber das führt keineswegs zu einer Atmosphäre des Religionskrieges – auch wenn Außenstehende oft diesen Eindruck haben. In den bunten, durchmischten Arbeitervierteln wird der Glaube an Gott oft geachtet und geschätzt. Es geht darum, wie es im ersten Petrusbrief heißt, „Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in uns ist“.
Dieser Stolz ist Teil eines Minderheiten-Katholizismus, der jedoch lebendig und frei von Aggressivität ist. Der „Marsch für Jesus“, der ursprünglich von Evangelikalen ins Leben gerufen wurde, hat uns diese Realität vor Augen geführt. Noch bevor die Kirchenleitung entschieden hatte, ob sie teilnehmen würde, waren die Jugendlichen schon längst dabei. Die Chöre unserer Pfarreien haben dort voller Freude gesungen. Zu seinem Glauben zu stehen bedeutet nicht, einen Machtkampf auszufechten; es bedeutet, ganz gelassen das zu verkörpern, was man ist.
Sie sprechen von neuen Katechumenen, von Träumen, von der Freude am Gemeindeleben – wird die Apostelgeschichte in Seine-Saint-Denis gerade wieder lebendig?
Ja. Wo immer Kirche neu entsteht, finden wir Träume, Berufungen, sich bildende Gemeinschaften und Berichte über Gnadenmomente. Die Apostelgeschichte ist eine gläubige Rückschau auf die Geburt der Kirche, die für eine wachsende Gemeinschaft maßgebend geworden ist. Die Katechumenen rufen uns heute genau diese Realitäten wieder ins Gedächtnis: Der Glaube entsteht aus Begegnungen, aus dem Gebet, dem Wort Gottes, dem Miteinander und einer missionarischen Freude. Es sind Geschichten der Rettung und der Gnade.
Wie verändern diese Neugewandelten die Pfarreien und wie erneuern sie den Blick auf die Mission?
Die eigentliche Herausforderung ist ihre echte Einbindung. In den Pfarreien gibt es zwei Sätze, die Neuankömmlinge sofort entmutigen können: „Das haben wir schon immer so gemacht“ und „Wir brauchen nicht jeden“. Das Gegenteil ist nötig: Man muss jeden Einzelnen wahrnehmen, bekannt machen, ihm Wertschätzung entgegenbringen und ihm schnell Vertrauen schenken. Warum sollte man zwei Jahre warten, bevor man jemandem vorschlägt, zu lesen, zu singen, Gäste zu begrüßen, mitzuhelfen oder sich karitativ zu engagieren? Die freikirchlichen Gemeinschaften sind uns hier oft ein gutes Beispiel, indem sie Menschen sehr früh Verantwortung übertragen.
Integration ist keine Einbahnstraße. Die langjährigen Christen müssen Raum für die Negetauften schaffen; diejenigen, die neu hinzukommen, treten wiederum in eine Gemeinschaft ein, die eine Geschichte, eine Weisheit, eigene Rhythmen und Traditionen hat. Aber das hat oberste Priorität: Denn manche lassen sich nach einer sehr intensiv begleiteten Katechumenatszeit wieder hängen, weil ihnen die Bindung fehlt. Die sakramentale Gnade wirkt zwar weiter, aber wir wissen alle: Ein Christ, der allein bleibt, ist ein gefährdeter Christ.
Wir denken daher auf Ebene der Kirchenprovinz Île-de-France über Neophyten-Kurse nach, über Gruppen, die nach der Taufe fortbestehen, und über eine frühere Einbindung in das Pfarrleben. Die Sonntagsmesse ist unverzichtbar, reicht aber nicht immer aus: Man kann sie anonym betreten und wieder verlassen. Jeder Mensch braucht auch eine kleine Gruppe, in der er persönlich bekannt ist, wo sein Fehlen auffällt und wo ihn jemand anruft. Man muss den Menschen von Anfang an helfen, ihre Talente und Charismen zu entdecken: „Du bist willkommen; wir brauchen das, was du einbringst.“
Es gibt hunderte Möglichkeiten, jemanden einzubinden. Ein Sicherheitsteam, die Katechese, ein Chor oder der regelmäßige Reinigungsdienst können zu Orten der Freundschaft, des Gebets und der Verlässlichkeit werden. Das christliche Leben verbindet die vertikale Beziehung zu Gott – Liturgie, Gebet, Volksfrömmigkeit – mit der horizontalen Verbindung zu den Brüdern und Schwestern. Diese beiden Achsen bilden das Kreuz.
Die Kirche in Saint-Denis blickt auf eine über 1700-jährige Geschichte zurück: Sagt diese den Neuankömmlingen etwas?
Die Geschichte unserer Diözese ist vielschichtig: Dionysius, der um 250 der erste Bischof war, und seine Gefährten; die mittelalterliche Basilika; die königliche Nekropole, in der die Gebeine von 70 Herrschern ruhen; das klösterliche Leben; die Gotik und die Glasfenster – und schließlich die jüngere Geschichte der Migration, der Armut, der Arbeiterpriester... Aber der Aspekt, der die Katechumenen besonders berührt, ist der des heiligen Dionysius als Missionar, Täufer und Märtyrer. Die Tradition beschreibt ihn zusammen mit dem Priester Rusticus und dem Diakon Eleutherius als diejenigen, die nach Lutetia kamen, um das Evangelium zu verkünden und die ersten Taufen zu spenden! Für diese Dimension des authentischen, zutiefst missionarischen Martyriums sind die Menschen am empfänglichsten. Einen Gottesdienst im Chor der Basilika nahe ihren Reliquien abzuschließen, verbindet die Gegenwart der Kirche mit ihrem Ursprung: das Heil anzunehmen und Missionar in einer komplexen und manchmal risikoreichen Welt zu sein. Das ist eine Praxis, die von den Gläubigen sehr geschätzt wird.
Der Turmhelm der Basilika wird derzeit wiederaufgebaut, und wir haben angeboten, vier neue Glocken zu finanzieren – ein verrücktes Projekt, da wir sehr arm sind. Aber hinter diesem Vorhaben steht der Wunsch, dieser Kontinuität eine sichtbare Form zu geben. Ein Turmhelm in der Architektur ist wie ein Zeigefinger: Er lädt dazu ein, den Blick gen Himmel zu richten, auch wenn er in der Gotik fest mit dem Boden verbunden ist, wo es unsere Aufgabe ist, das Reich Gottes im Kleinen zu verwirklichen. Die Glocken, die wir am liebsten wie in alten Zeiten auf dem Vorplatz der Kirche gießen lassen würden, werden Freude, Gebet, Taufen, Hochzeiten, Trauer und Frieden verkünden. Gleichzeitig lebt in der Basilika die mittelalterliche Wallfahrt zum Grab des heiligen Dionysius wieder auf, die etwas in Vergessenheit geraten war. Immer mehr Gruppen aus Pfarreien, Schulen und Horten kommen in den letzten Jahren; ihnen müssen wir einen echten Glaubensweg bieten, der nicht nur von der Gotik erzählt, sondern auch zum Gebet führt.
Was erhoffen Sie sich vom Besuch von Leo XIV.?
Zunächst einmal große Freude und Stolz. Die Amtsträger – auch die nichtchristlichen – haben die Nachricht mit Begeisterung aufgenommen: Sie sehen darin einen Gewinn für die Christen, aber auch für die gesamte Region. Viele möchten diese Botschaft hören, die weit über den rein katholischen Kreis hinausgeht. Sie haben bereits den geopolitischen Mut des Papstes zu schätzen gelernt und verstanden, dass sein Wort weit reicht und etwas verkündet, das uns alle emporheben kann. Die Muslime in Seine-Saint-Denis wiederum waren sehr berührt von seiner Reise nach Algerien und der Station in Annaba auf den Spuren von Augustinus. Viele von ihnen sind Kabylen, und Augustinus ist für sie eine Symbolfigur. Unsere Kirche ähnelt im Grunde der Kirche von Algerien: klein, in einem nicht immer einfachen Umfeld, aber unglaublich strahlend.
In einem von Armut, Kosmopolitismus und religiöser Vielfalt – Muslime, Juden, Sikhs, Buddhisten und Christen – geprägten Département wie Seine-Saint-Denis kann dieses Ereignis auch zu einem Zeichen des Friedens werden. Wir möchten insbesondere in unseren 13 katholischen Gymnasien kleine Gruppen von „Botschaftern des Papstes“ bilden: Zwei katholische Jugendliche laden acht nicht-katholische Mitschüler ein. Sie bereiten sich gemeinsam auf die Gebetswache mit dem Papst vor, nehmen daran teil und tragen das Erlebte anschließend in ihre Schulen weiter. Diese bescheidene Geste bringt eine tiefe Überzeugung zum Ausdruck: Religionen sind nicht dazu da, Kriege zu schüren; sie haben primär den Auftrag, Frieden zu stiften. Eine Kirche in der Minderheit kann dennoch voller Freude und Mut bleiben und Brücken bauen.
Während sich das Bistum Saint-Denis darauf vorbereitet, Papst Leo XIV. bei seiner Frankreichreise (25.–28. September) zu einer Gebetswache mit Jugendlichen und Katechumenen im Stade de France zu empfangen, ist der Andrang so groß, dass die Anmeldeplattform direkt nach Freischaltung überlastet war. Die Kirche von Saint-Denis blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück, ist zugleich aber auch ein Ort des kirchlichen Aufbruchs – geprägt von einem Alltag in einem einfachen, teils armen, multiethnischen und multireligiösen Umfeld. Für Fides zeichnet der Ortsbischof Étienne Guillet das Porträt seiner kleinen, „so strahlenden“ Kirche, die durchaus ein echtes Laboratorium für die Weltkirche werden könnte.
Die Anmeldungen für die Gebetswache mit Papst Leo XIV. im Stade de France waren im Nu ausverkauft. Was offenbart dieser Ansturm?
Die erste Tranche war tatsächlich innerhalb von anderthalb Stunden ausgebucht! Die Anmeldeplattform war völlig überlastet, und viele Jugendliche suchen immer noch nach Karten – es gibt ganz offensichtlich eine riesige Erwartungshaltung. Das ist ein wunderbares Zeichen für die Kirche in Frankreich. Das Stade de France liegt in Saint-Denis: Wir freuen uns sehr, dass der Papst in dieses Bistum kommt, das etwas zu sagen hat und keineswegs bloß ein „Pariser Vorort-Anhang“ ist! Er wird in einer Region empfangen mit ganz eigener Geschichte, eigener Bevölkerung und einem kirchlichen Leben, das von einem besonderen Aufbruch und großer Kreativität geprägt ist. Vom Stadion aus sieht man die gesamte Basilika von Saint-Denis und das Dach ihres Kirchenschiffs.
Wie sieht das Profil der Erwachsenen aus, die heute im Département Seine-Saint-Denis um die Taufe bitten?
Das Lesen der Briefe, die vor Ostern an den Bischof gerichtet werden, ist für mich ein riesiges Geschenk. Manche schreiben eine halbe Seite, andere erzählen auf zehn Seiten aus ihrem Leben. Die größte Gruppe ist zwischen 18 und 25 Jahre alt, aber es gibt nicht das eine soziologische Profil. Ein Teil der Katechumenen ist in einem christlichen Umfeld aufgewachsen, ohne getauft worden zu sein: Eltern oder sehr oft die Großeltern haben ihnen das Gebet, das Evangelium oder den gewohnten Kirchgang vorgelebt. Bei Familien, die – etwa über Portugal – aus Kap Verde zugewandert sind, traten die Sakramente durch die Herausforderungen der Integration, der Sprache und des Umzugs zeitweise in den Hintergrund, weil anderes dringender war. Doch sobald sie Fuß gefasst haben, möchten diese jungen Menschen diesen Weg zu Ende gehen.
Andere hatten wiederum so gut wie keinen Kontakt zum Evangelium. Dennoch gibt es immer einen Anstoß: das Zeugnis eines Freundes, einer Kollegin, einer Schwägerin oder Nachbarin; eine Einladung zur Messe; eine Online-Suche. Die sozialen Netzwerke machen nicht alles aus, aber sie sind der Ort, an dem unsere Zeitgenossen ihre ersten Fragen stellen. Wir müssen dort also fundierte Antworten anbieten. Doch wie stellt man sicher, dass sie dort auch gehaltvolle, nährende Inhalte finden? Manchmal reichen auch schon eine offene Kirche, ihre Stille und ihre Schönheit aus, um einen Raum zu schaffen, in dem man Gott begegnen kann. Ein Mann erzählte mir, dass er nach einem sehr schweren Tag aus dem Pendlerzug einen Kirchturm sah, die Kirche betrat und dort einen ersten Frieden fand, der sein Leben verändert hat. Das fordert die Kirche heraus: Unsere Gotteshäuser müssen offen und gastfreundlich bleiben können. Doch aus Sicherheitsgründen oder Mangel an Personal bleiben immer mehr Kirchentüren geschlossen – selbst an stark frequentierten Touristenorten.
Spiegelt sich die religiöse Realität des Départements in diesen Lebenswegen wider?
Insgesamt stammen etwa 15 % der Briefe von Menschen, die aus einem muslimischen oder stark islamisch geprägten Umfeld kommen: Sie haben selbst die Moschee besucht oder ein Elternteil ist Muslim. Auch ihr Weg beinhaltet Begegnungen und Recherchen im Internet, sehr oft wird aber auch von einem Traum oder einem intensiven geistlichen Erlebnis berichtet. Das mag unsere westliche Rationalität verunsichern, aber Träume ziehen sich schließlich durch die gesamte Bibel!
Aus den Briefen geht auch hervor, dass viele Menschen aus der Mittelschicht und aus einfachen, französischstämmigen Verhältnissen kommen, die die Kirche zuletzt schwerer zu erreichen schien: Beamte, Angestellte, Handwerker. Ihre Präsenz relativiert die These, diese Taufen seien Ausdruck eines Identitätsstrebens oder eine Reaktion gegen eine andere religiöse Gruppe. Was diese Erfahrungsberichte beschreiben, ist kein ideologischer Kampf, sondern allen voran die Freude über die Begegnung mit Christus. Viele verorten ihr Glaubenserwachen in einer schweren Lebensphase – Trauer, Krankheit, Arbeitslosigkeit, Entmutigung. In solchen Momenten begreifen sie auf existenzielle Weise, was „Jesus, der Retter“ bedeutet: kein abstraktes Konzept, sondern jemand, der einen am Rande des inneren Ertrinkens herauszieht und einem wieder den Wunsch gibt, voranzugehen und zu lieben.
Hat die muslimische Präsenz Einfluss auf das christliche Selbstbewusstsein?
In Seine-Saint-Denis haben die Muslime dazu beigetragen, dass es wieder unverkrampfter möglich ist, über Gott zu sprechen und zu seinem Glauben zu stehen. Die jungen Christen, die in der Minderheit sind, können offen und mit Freude sagen, dass sie Christen sind. Sie werden hinterfragt, manchmal herausgefordert, aber das führt keineswegs zu einer Atmosphäre des Religionskrieges – auch wenn Außenstehende oft diesen Eindruck haben. In den bunten, durchmischten Arbeitervierteln wird der Glaube an Gott oft geachtet und geschätzt. Es geht darum, wie es im ersten Petrusbrief heißt, „Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in uns ist“.
Dieser Stolz ist Teil eines Minderheiten-Katholizismus, der jedoch lebendig und frei von Aggressivität ist. Der „Marsch für Jesus“, der ursprünglich von Evangelikalen ins Leben gerufen wurde, hat uns diese Realität vor Augen geführt. Noch bevor die Kirchenleitung entschieden hatte, ob sie teilnehmen würde, waren die Jugendlichen schon längst dabei. Die Chöre unserer Pfarreien haben dort voller Freude gesungen. Zu seinem Glauben zu stehen bedeutet nicht, einen Machtkampf auszufechten; es bedeutet, ganz gelassen das zu verkörpern, was man ist.
Sie sprechen von neuen Katechumenen, von Träumen, von der Freude am Gemeindeleben – wird die Apostelgeschichte in Seine-Saint-Denis gerade wieder lebendig?
Ja. Wo immer Kirche neu entsteht, finden wir Träume, Berufungen, sich bildende Gemeinschaften und Berichte über Gnadenmomente. Die Apostelgeschichte ist eine gläubige Rückschau auf die Geburt der Kirche, die für eine wachsende Gemeinschaft maßgebend geworden ist. Die Katechumenen rufen uns heute genau diese Realitäten wieder ins Gedächtnis: Der Glaube entsteht aus Begegnungen, aus dem Gebet, dem Wort Gottes, dem Miteinander und einer missionarischen Freude. Es sind Geschichten der Rettung und der Gnade.
Wie verändern diese Neugewandelten die Pfarreien und wie erneuern sie den Blick auf die Mission?
Die eigentliche Herausforderung ist ihre echte Einbindung. In den Pfarreien gibt es zwei Sätze, die Neuankömmlinge sofort entmutigen können: „Das haben wir schon immer so gemacht“ und „Wir brauchen nicht jeden“. Das Gegenteil ist nötig: Man muss jeden Einzelnen wahrnehmen, bekannt machen, ihm Wertschätzung entgegenbringen und ihm schnell Vertrauen schenken. Warum sollte man zwei Jahre warten, bevor man jemandem vorschlägt, zu lesen, zu singen, Gäste zu begrüßen, mitzuhelfen oder sich karitativ zu engagieren? Die freikirchlichen Gemeinschaften sind uns hier oft ein gutes Beispiel, indem sie Menschen sehr früh Verantwortung übertragen.
Integration ist keine Einbahnstraße. Die langjährigen Christen müssen Raum für die Negetauften schaffen; diejenigen, die neu hinzukommen, treten wiederum in eine Gemeinschaft ein, die eine Geschichte, eine Weisheit, eigene Rhythmen und Traditionen hat. Aber das hat oberste Priorität: Denn manche lassen sich nach einer sehr intensiv begleiteten Katechumenatszeit wieder hängen, weil ihnen die Bindung fehlt. Die sakramentale Gnade wirkt zwar weiter, aber wir wissen alle: Ein Christ, der allein bleibt, ist ein gefährdeter Christ.
Wir denken daher auf Ebene der Kirchenprovinz Île-de-France über Neophyten-Kurse nach, über Gruppen, die nach der Taufe fortbestehen, und über eine frühere Einbindung in das Pfarrleben. Die Sonntagsmesse ist unverzichtbar, reicht aber nicht immer aus: Man kann sie anonym betreten und wieder verlassen. Jeder Mensch braucht auch eine kleine Gruppe, in der er persönlich bekannt ist, wo sein Fehlen auffällt und wo ihn jemand anruft. Man muss den Menschen von Anfang an helfen, ihre Talente und Charismen zu entdecken: „Du bist willkommen; wir brauchen das, was du einbringst.“
Es gibt hunderte Möglichkeiten, jemanden einzubinden. Ein Sicherheitsteam, die Katechese, ein Chor oder der regelmäßige Reinigungsdienst können zu Orten der Freundschaft, des Gebets und der Verlässlichkeit werden. Das christliche Leben verbindet die vertikale Beziehung zu Gott – Liturgie, Gebet, Volksfrömmigkeit – mit der horizontalen Verbindung zu den Brüdern und Schwestern. Diese beiden Achsen bilden das Kreuz.
Die Kirche in Saint-Denis blickt auf eine über 1700-jährige Geschichte zurück: Sagt diese den Neuankömmlingen etwas?
Die Geschichte unserer Diözese ist vielschichtig: Dionysius, der um 250 der erste Bischof war, und seine Gefährten; die mittelalterliche Basilika; die königliche Nekropole, in der die Gebeine von 70 Herrschern ruhen; das klösterliche Leben; die Gotik und die Glasfenster – und schließlich die jüngere Geschichte der Migration, der Armut, der Arbeiterpriester... Aber der Aspekt, der die Katechumenen besonders berührt, ist der des heiligen Dionysius als Missionar, Täufer und Märtyrer. Die Tradition beschreibt ihn zusammen mit dem Priester Rusticus und dem Diakon Eleutherius als diejenigen, die nach Lutetia kamen, um das Evangelium zu verkünden und die ersten Taufen zu spenden! Für diese Dimension des authentischen, zutiefst missionarischen Martyriums sind die Menschen am empfänglichsten. Einen Gottesdienst im Chor der Basilika nahe ihren Reliquien abzuschließen, verbindet die Gegenwart der Kirche mit ihrem Ursprung: das Heil anzunehmen und Missionar in einer komplexen und manchmal risikoreichen Welt zu sein. Das ist eine Praxis, die von den Gläubigen sehr geschätzt wird.
Der Turmhelm der Basilika wird derzeit wiederaufgebaut, und wir haben angeboten, vier neue Glocken zu finanzieren – ein verrücktes Projekt, da wir sehr arm sind. Aber hinter diesem Vorhaben steht der Wunsch, dieser Kontinuität eine sichtbare Form zu geben. Ein Turmhelm in der Architektur ist wie ein Zeigefinger: Er lädt dazu ein, den Blick gen Himmel zu richten, auch wenn er in der Gotik fest mit dem Boden verbunden ist, wo es unsere Aufgabe ist, das Reich Gottes im Kleinen zu verwirklichen. Die Glocken, die wir am liebsten wie in alten Zeiten auf dem Vorplatz der Kirche gießen lassen würden, werden Freude, Gebet, Taufen, Hochzeiten, Trauer und Frieden verkünden. Gleichzeitig lebt in der Basilika die mittelalterliche Wallfahrt zum Grab des heiligen Dionysius wieder auf, die etwas in Vergessenheit geraten war. Immer mehr Gruppen aus Pfarreien, Schulen und Horten kommen in den letzten Jahren; ihnen müssen wir einen echten Glaubensweg bieten, der nicht nur von der Gotik erzählt, sondern auch zum Gebet führt.
Was erhoffen Sie sich vom Besuch von Leo XIV.?
Zunächst einmal große Freude und Stolz. Die Amtsträger – auch die nichtchristlichen – haben die Nachricht mit Begeisterung aufgenommen: Sie sehen darin einen Gewinn für die Christen, aber auch für die gesamte Region. Viele möchten diese Botschaft hören, die weit über den rein katholischen Kreis hinausgeht. Sie haben bereits den geopolitischen Mut des Papstes zu schätzen gelernt und verstanden, dass sein Wort weit reicht und etwas verkündet, das uns alle emporheben kann. Die Muslime in Seine-Saint-Denis wiederum waren sehr berührt von seiner Reise nach Algerien und der Station in Annaba auf den Spuren von Augustinus. Viele von ihnen sind Kabylen, und Augustinus ist für sie eine Symbolfigur. Unsere Kirche ähnelt im Grunde der Kirche von Algerien: klein, in einem nicht immer einfachen Umfeld, aber unglaublich strahlend.
In einem von Armut, Kosmopolitismus und religiöser Vielfalt – Muslime, Juden, Sikhs, Buddhisten und Christen – geprägten Département wie Seine-Saint-Denis kann dieses Ereignis auch zu einem Zeichen des Friedens werden. Wir möchten insbesondere in unseren 13 katholischen Gymnasien kleine Gruppen von „Botschaftern des Papstes“ bilden: Zwei katholische Jugendliche laden acht nicht-katholische Mitschüler ein. Sie bereiten sich gemeinsam auf die Gebetswache mit dem Papst vor, nehmen daran teil und tragen das Erlebte anschließend in ihre Schulen weiter. Diese bescheidene Geste bringt eine tiefe Überzeugung zum Ausdruck: Religionen sind nicht dazu da, Kriege zu schüren; sie haben primär den Auftrag, Frieden zu stiften. Eine Kirche in der Minderheit kann dennoch voller Freude und Mut bleiben und Brücken bauen.
(Fides 13/8/2026)
Photo Manuel Lagos Cid