VATIKAN - Das II. Vatikanische Konzil: Mission mit Blick auf die Kirche des ersten Jahrtausends

Donnerstag, 13 Oktober 2022   theologie   mission   papst franziskus  

Von Gianni Valente

Rom (Fides) - „Wir danken dir, Herr, für das Geschenk des Konzils. Du, der du uns liebst, befreie uns von der Überheblichkeit der Selbstgenügsamkeit und dem Geist weltlichen Kritisierens. Befreie uns davon, dass wir uns selbst aus der Einheit ausschließen. Du, der du uns liebevoll weidest, führe uns aus dem Gehege der Selbstbezogenheit heraus“, so Papst Franziskus am Ende seiner Predigt bei der Festmesse zum 60. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils im Petersdom.
Seit 60 Jahren steht das letzte Konzil, ein wichtiges Ereignis im Leben der Kirche, im Mittelpunkt von Debatten über hermeneutische Auslegungen seiner Natur und seiner Auswirkungen. Dies Kontroversen laufen manchmal Gefahr, zu Streitigkeiten zwischen Experten zu werden, die auf fatale Weise dem ausgesetzt sind, was Papst Franziskus in seiner Predigt "die teuflische Finesse der Polarisierungen, der 'Ismen'" nannte.
Am Anfang des Zweiten Vatikanischen Konzils stand der Wunsch, das Innere der Kirche zu erneuern und ihre Disziplin an die neuen Erfordernisse anzupassen, um ihre Sendung in der heutigen Welt mit neuem Elan neu zu gestalten. Und wenn man den vom Zweiten Vatikanischen Konzil vorgeschlagenen Weg zur Befreiung des kirchlichen Handelns von der "Überheblichkeit der Selbstgenügsamkeit" und dem "Gehege der Selbstgenügsamkeit" begreifen will, lohnt sich immer ein Blick auf die Konzilsdokumente, die als reife Frucht aus dieser großen kirchlichen Versammlung hervorgegangen sind.
Der Titel und damit die ersten Zeilen der konziliaren dogmatischen Konstitution „Lumen Gentium“, die der Kirche gewidmet ist, sind klar und entwaffnend in ihrer schlichten Klarheit: "Christus ist das Licht der Völker. Deshalb ist es der dringende Wunsch dieser im Heiligen Geist versammelten Heiligen Synode, alle Menschen durch seine Herrlichkeit, die auf dem Antlitz der Kirche widerscheint zu erleuchten, in dem sie das Evangelium allen Geschöpfen verkündet". Von den ersten Worten an wiederholt das wichtigste Dokument des letzten Konzils, dass die Kirche nicht mit ihrem eigenen Licht leuchtet, sondern nur mit dem Licht Christi leuchten kann. " Die Kirche ist fest davon überzeugt: das Licht der Völker strahlt nicht von ihr selbst aus, sondern von ihrem göttlichen Stifter: zugleich weiß die Kirche sehr wohl, dass dieses Licht die ganze Menschheit erreicht, indem es sich auf ihrem Antlitz Widerspiegelt“, schrieb der belgische Theologe Gérard Philips, der selbst Hauptredakteur dieser Konzilskonstitution war, in seinem Kommentar zu „Lumen Gentium“.
In dieser Hinsicht verdient ein Gedanke Aufmerksamkeit, den der Historiker Enrico Morini vor einigen Jahren in einem Beitrag formuliert hat, den er auf der von Sandro Magister betreuten Internetseite veröffentlichte. Laut Morini – Professor für Geschichte des Christentums und der Kirche an der Universität Bologna – hat sich das II. Vatikanische Konzil „in eine Perspektive der absoluten Kontinuität mit der Tradition des ersten Jahrtausends gestellt, einer nicht rein mathematischen, sondern einer wesentlichen Periodisierung entsprechend, da das erste Jahrtausend der Kirchengeschichte das Jahrtausend der sieben Konzilien der noch ungeteilten Kirche war. Um die Erneuerung der Kirche zu unterstützen, fügte Moroni hinzu „hat das Konzil nichts Neues einführen wollen - wie es die Progressiven und die Konservativen wünschen bzw. befürchten - sondern wollte zu dem zurückkehren, was verlorengegangen war.“
Morinis Beobachtungen wurden von Kardinal Georges Marie Cottier (1922-2016), dem großen Dominikanerpater und Theologen, der als Theologe des Päpstlichen Hauses in den Diensten von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gestanden hatte, aufgegriffen und weiterentwickelt. In einem Artikel, der im August 2011 in der Zeitschrift „30 Giorni“ veröffentlicht wurde, erklärte Kardinal Cottier, er betrachte die Interpretationen, die die Geschichte der Kirche "als fortschreitender Verfall und wachsende Entfremdung von Christus und dem Evangelium" brandmarkten oder „nach denen die dogmatische Entwicklung des zweiten Jahrtausends nicht mit der gemeinsamen Tradition der ungeteilten Kirche während des ersten Jahrtausends in Übereinstimmung sei“ als "Mythos der Geschichtsschreibung". Deshalb müsse es als „objektives Faktum“ betrachtet werden, „dass die Auffassung von Kirche, wie sie in Lumen gentium ausgedrückt ist, jener entspricht, die schon in den ersten Jahrhunderten des Christentums allgemein geteilt wurde: dass die Kirche nämlich nicht als eigenständiges, vorbestimmtes Subjekt vorausgesetzt wird. Die Kirche bleibt von der Tatsache überzeugt, dass ihre Gegenwart in der Welt fruchtbar und von Dauer ist, wenn sie sie als Gegenwart und Wirken Christi anerkennt“
„Wenn sich die Kirche in der Welt als Widerschein der Gegenwart Christi sieht“, so der Kardinal, „dann kann die Verkündigung des Evangeliums nur im Dialog und in Freiheit erfolgen, unter Verzicht auf jegliche materiellen und spirituellen Zwangsmittel. Ebenso stehe auch die Bitte um Vergebung für die Schuld der Christen in Übereinstimmung mit dieser Auffassung von Kirche, denn „die Kirche bittet nicht um Vergebung, um damit der Logik einer weltlichen Ehrbarkeit zu folgen, sondern weil sie anerkennt, dass die Sünden ihrer Söhne und Töchter das Licht Christi verdunkeln, das sie auf ihrem Antlitz widerspiegeln soll, wie es ihre Berufung ist“.
In seinen Überlegungen, in denen er auch Papst Benedikt XVI. zitierte, wies Kardinal Cottier darauf hin, dass gerade die Anerkennung des „mysterium lunae“, das die Kirche hervorbringt, das apostolische Handeln von falschen Perspektiven befreien kann, die die Gegenwart der Christen in der Welt als „Ergebnis von Strategien und Vorschriften" zu betrachten scheinen. „Vielleicht wäre es in der heutigen Welt einfacher und tröstlicher für alle“, so Kardinal Cottier abschließend, „wenn man auf Pastoren hören könnte, die zu allen sprechen, ohne den Glauben als selbstverständlich zu betrachten", schloss Cottier. Wie Benedikt XVI. in seiner Predigt in Lissabon am 11. Mai 2010 feststellte, ‚machen wir uns oft ängstlich Sorgen über die sozialen, kulturellen und politischen Folgen des Glaubens, indem wir davon ausgehen, dass dieser Glaube vorhanden ist, was leider immer weniger realistisch ist‘“.
(Fides 13/10/2022)


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