ASIEN/SYRIEN - Amenische-katholische Kirche in Raqqa ohne Zustimmung der Erzdiözese wiederaufgebaut

Freitag, 18 Februar 2022 mittlerer osten   ostkirchen   krisengebiete   dschihadisten   sektierertum     ngo  

freeburmarangers.org

Raqqa (Fides) - Fast fünf Jahre nach dem Abzug der dschihadistischen Milizen aus Raqqa erstrahlt die in Schutt und Asche gelegte Kirche der Märtyrer im Stadtzentrum wieder in ihrer ganzen Pracht. Lange Zeit befand sich die christliche Kirche in den Händen von Milizionären des so genannten Islamischen Staates (IS), die es in ein Gericht umwandelten und dort aus auf der Grundlage der dschihadistische "Justiz" Recht zu sprechen. Bei Bombenangriffen unter westlicher Führung wurde die Kirche verwüstet, die einen Großteil des historischen Stadtzentrums dem Erdboden gleichmachten, im Bestreben die jahrelange syrische syrische Hochburg des Kalifats zurückzuerobern. In den letzten Jahren wurde die Kirche dann von den so genannten „Free Burma Rangers“, die auf Initiative eines amerikanischen evangelikalen Pastors gegründet wurde, wieder aufgebaut. Aber die wenigen einheimischen Christen, die noch in der Stadt leben, nuten die Kirche nicht, es werden keine Gottesdienste gefeiert. Nur ab und zu wird sie von neu gegründeten evangelikalen christlichen Gruppen genutzt.
Die Schicksal, das diese armenisch-katholische Kirche Erzdiözese Aleppo im Laufe der letzten Jahre ereilte macht das Gotteshaus zu einer Art Sinnbild für die widersprüchlichen Interessen und die rätselhaften Faktoren, die die Präsenz der Christen in Syrien und anderen Ländern des Nahen Ostens bestimmen. "Diese Angelegenheit hat etwas Seltsames an sich, man versteht nicht, was dahinter steckt", sagte Boutros Marayati, armenisch-katholischer Erzbischof von Aleppo, gegenüber Fides.
Die den Märtyrern gewidmete Kirche war und ist die wichtigste christliche Kirche in Raqqa. Vor dem Krieg wurde sie von über 150 christlichen Familien der Stadt, in der es noch zwei weitere Gotteshäuser der armenisch-apostolischen Kirche und der griechisch-melkitischen Kirche gab, genutzt. Als die Stadt 2014 von den Milizionären des selbsternannten Islamischen Staates (IS) erobert wurde, nahmen die Islamisten die Kirche und ihre Dienstgebäude in Besitz und richteten dort den Sitz des islamischen Gerichts ein. Im Jahr 2017 wurde auch die Märtyrerkirche durch Bomben der Anti-IS-Koalition zerstört, um den Widerstand der Milizen zu brechen. Die Stadt wurde schließlich von den Syrischen Demokratischen Kräften (SDF, einer Koalition überwiegend kurdischer Milizen) befreit, die von den Vereinigten Staaten unterstützt und bewaffnet werden. Seitdem ist der gesamte Nordosten Syriens - zu dem auch Raqqa gehört –Schauplatz der kurdischen Autonomiebestrebungen, des Machtanspruchs der Regierung in Damaskus, des anhaltende islamistischen Widerstand und der antikurdischen türkischen Besetzungen. In Raqqa liegt die Macht in den Händen eines von kurdischen Kräften dominierten und von den Vereinigten Staaten militärisch geschützten Zivilrats, der dank der logistischen, militärischen und finanziellen Unterstützung der USA auch mit dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt beginnt.
Eines der ersten Projekte, das in Angriff genommen wurde, war der Wiederaufbau der zerstörten armensich-katholischen Kirche, mit dem erklärten Ziel, die Sorge der neuen Machthaber um die Christen, die unter dem Dschihad-Regime des Islamischen Staates verfolgt und misshandelt wurden, unter Beweis zu stellen. Die „Free Burma Rangers“, die Ende der 1990er Jahre in Myanmar entstanden, um die Widerstandsgruppen der Karen gegen die Offensiven der birmanischen Armee zu unterstützen, übernehmen den Wiederaufbau der christlichen Kirche. Die Organisation wurde von dem evangelikalen US-Pastor Dave Eubank gegründet, der am „Fuller Theological Seminary“ (das als eines der einflussreichsten evangelikalen Ausbildungsinstitute gilt) ausgebildet wurde und gleichzeitig ein ehemaliger Offizier der US Army Special Forces ist. Nachdem er mehrere Jahre als Missionar in Myanmar verbracht hatte, nutzte er sein militärisches Fachwissen und die eigenen idealistischen Motive zu nutzen, um ein neue Art von Hilfswerk für die gezielte Intervention in Konfliktszenarien zu schaffen. Die von ihm gegründete Organisation „Free Burma Rangers“ versteht sich nicht zuletzt als humanitäre, medizinische und mediale Unterstützung für Guerillakämpfer, Milizen und Armeen, die gegen Apparate kämpfen, die im Zeichen von Unterdrückung, Missbrauch und Gewalt agieren.
Nach ihrem Einsatz in Myanmar waren die „Burma Rangers“ auch an der Seite der irakischen Armee im Kampf um die Befreiung von Mossul von den Milizen des IS tätig. In Raqqa boten sie wiederum den kurdischen Milizen ihre Dienste an, die mit Unterstützung der USA die Stadt im sogenannten "Vernichtungskrieg" von den Islamisten befreiten. Die Organisation beteiligt sich nicht direkt an militärischen Offensiven, doch die Mitglieder sind in den Konfliktgebieten nach eigenen Angaben zum Selbstschutz, denn - so erklärte der Gründer in einem Interview - "wir sind keine Pazifisten".
In Syrien konzentrieren sich die Bemühungen der „Burma Rangers“ seit 2017 insbesondere auch auf Symbole der christlichen Präsenz, die in den Kriegsjahren beschädigt wurden. In Abstimmung mit dem lokalen kurdisch geführten Bürgerrat begannen die Mitarbeiter der „Burma Rangers“ das Projekt zum Wiederaufbau der armenisch-katholischen Kirche in Raqqa und baten die armenisch-katholische Erzdiözese Aleppo um die Pläne des Gotteshauses, denn es sollten nach den ursprünglichen Plänen wieder aufgebaut werden. Doch diese Bitte stieß auf taube Ohren. Die Kirche wurde schließlich ohne Zustimmung der Erzdiözese wiederaufgebaut. Die Arbeiten gingen nicht zuletzt auch wegen der Pandemie nur langsam voran. Doch im November 2021 war die Kirche schließlich fertiggestellt. Das Pfarrhaus und die Schule wurden abgerissen, so dass auf dem Gelände ein großer leerer Raum entsteht. Im Inneren der Kirche befindet sich kein Altar, sondern ein Kanzel für die Predigt, wie er in den Gotteshäusern der evangelischen Gemeinden üblich ist. Nach der Einweihung wurden nur die wenigen Dutzend Christen, die sich in Raqqa aufhalten, eingeladen, die wieder aufgebaute Kirche zu besuchen. Doch auch ersten Weihnachtstag blieb das Gotteshaus leer.
"Sie sagen, es sei unsere Kirche und man habe sie sie für die Christen von Raqqa wieder aufgebaut", so Erzbischof Marayati, "aber wir wissen nichts davon. Die Initiative wollte wohl ein Zeichen setzen: Lasst uns die Kirchen wieder aufbauen und die Christen schützen. Aber wir haben mit derartigen Operationen nichts zu tun“. Das Gotteshaus wird nur gelegentlich von Mitgliedern der kürzlich gegründeten evangelischen Gemeinden aufgesucht, die auch Kurden aufnehmen, die vom Islam konvertiert sind. Viele Christen aus Raqqa, die in den Libanon, die Türkei oder in den Westen geflohen sind, haben bereits beschlossen, nicht zurückzukehren.
In dem politischen Chaos, das der Krieg vor allem im Nordosten Syriens hinterlassen hat, ist der so genannte "Schutz der Christen" zu einem Propagandathema geworden. Auch von Präsident Bashar al Assad geführte System versteht sich als Beschützer der Christen. Auf der anderen Seite wollen die unabhängigen Kurden, die mit Unterstützung der Vereinigten Staaten einen großen Teil Nordostsyriens kontrollieren, die Region als Modell eines demokratischen, pluralistischen, toleranten und multiethnischen Syriens etablieren. Ihre Feindseligkeit gegenüber dem Regime in Damaskus macht es jedoch unwahrscheinlich, dass Priester und Ordensleute in die von ihnen kontrollierten Gebiete entsendet werden. So werden die einheimischen Gemeinden immer kleiner und ihre Mitglieder leben verstreut in der Diaspora, während sich neue Räume für den Aktivismus evangelikaler und pfingstlicher Gruppen zu öffnen scheinen, auch dank der ausdrücklichen Unterstützung und des Rückhalts, den politische und militärische Kräfte vor Ort garantieren, wie die politisch-militärische Führung der Kurden und die anhaltende US-Militärpräsenz, die zu ihrer Unterstützung auf syrischem Gebiet stationiert ist.
(GV) (Fides 18/2/2022)


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