Von Marie-Lucile Kubacki
Peoria (Fides) – In der Stille der Kathedrale St. Maria von der Unbefleckten Empfängnis, der neugotischen Kirche, die über den Straßen von Peoria aufragt, feierte Kardinal Luis Antonio Tagle am Dienstagmorgen, 22. September, die heilige Messe am Grab des ehrwürdigen Erzbischofs Fulton J. Sheen.
In dieser Kathedrale wurde Sheen 1919 zum Priester geweiht. Seit 2019 ruhen dort auch seine sterblichen Überreste. Zwei Tage vor seiner geplanten Seligsprechung in St. Louis ist der Ort zugleich zu einer Stätte der Erinnerung und zu einem Aufruf zur Mission geworden.
Kardinal Tagle, Pro-Präfekt des Dikasteriums für die Evangelisierung (Sektion für die Erstevangelisierung und die neuen Teilkirchen), ist als päpstlicher Vertreter in die Vereinigten Staaten gereist. In dieser Funktion wird er am 24. September der Seligsprechungsmesse vorstehen.
Vor den Gläubigen von Peoria stellte der Kardinal die bevorstehende Feier nicht nur in den Zusammenhang der Ehre für einen Sohn der Stadt, sondern auch in den einer konkreten Verantwortung für die Ortskirche.
„Wir loben und danken dem Herrn, der uns zusammengeführt und uns zu einer einzigen Gemeinschaft, einer Familie des Glaubens, geformt hat“, sagte er zu Beginn seiner Predigt. Die Kathedrale sei durch die Anwesenheit des künftigen Seligen Fulton Sheen „noch schöner“ geworden. Zugleich warnte er davor, dass eine solche Gnade auch eine Verpflichtung mit sich bringe.
„Dies ist eine Gnade für uns alle, die wir hier versammelt sind, aber auch eine große Verantwortung“, sagte Kardinal Tagle. „Von nun an werden die Menschen, wenn sie erfahren, dass ihr aus Peoria kommt, sagen: ‚Oh, seid ihr wie Bischof Fulton Sheen auf die Mission ausgerichtet? Seid ihr wie der selige Fulton Sheen tief im Wort Gottes verwurzelt?‘“
Der Ton des Kardinals war herzlich und bisweilen humorvoll. Seine Botschaft war jedoch eindeutig: In ihrer tieferen Bedeutung ist die Seligsprechung keine lokale Auszeichnung, sondern ein Ruf zur Umkehr und zur Evangelisierung. „Da jede Gnade vom Herrn kommt, gibt es auch eine entsprechende Verantwortung“, betonte er.
Ausgehend von dem Evangelium, in dem Jesus gesagt wird, dass seine Mutter und seine Brüder draußen seien und ihn suchten, stellte Kardinal Tagle die zentrale Frage seiner Predigt: Was ist die Familie Christi?
Jesus, so der Kardinal, lehne die natürliche oder biologische Familie nicht ab. „Er verachtet sie nicht, er leugnet die biologische Familie nicht“, erklärte er. „Aber er weitet das Verständnis von Familie aus. ‚Wer sind meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern? Diejenigen, die das Wort Gottes hören und es in die Tat umsetzen. Das sind meine Mutter, meine Brüder und meine Schwestern‘“, sagte er und zitierte damit das Evangelium.
Diese „erweiterte Familie“ gründet nicht auf Abstammung, Geburtsort oder lokalem Ansehen, sondern darauf, das Wort Gottes zu hören und es in die Tat umzusetzen. Mit einem scherzhaften Unterton fragte Kardinal Tagle die Gläubigen: „Deshalb sagt den Leuten in Chicago nach der Seligsprechung bitte nicht: ‚Hat Chicago einen Seligen hervorgebracht?‘ – ‚Oh nein, wir kommen aus Peoria. Wir gehören zur Familie, die der Herr erwählt hat. Ach, das arme Chicago.‘“
Dann fügte er hinzu: „Niemand leugnet die Tatsache, dass unser verehrungswürdiger Diener Gottes, der Selige, von hier stammt und hier als Priester sein priesterliches Leben begonnen hat. Aber während wir diese natürliche Abstammung anerkennen, sucht der Herr nach etwas anderem.“
Anschließend lenkte der Kardinal den Blick auf Maria, die Mutter Jesu. Die Worte Jesu schmälerten ihre Bedeutung keineswegs, sondern offenbarten vielmehr die Tiefe ihrer Berufung, betonte er. Maria sei nicht nur die leibliche Mutter Jesu. Sie sei Mutter, weil sie zuerst Jüngerin gewesen sei, das Wort Gottes gehört und sich ihm zur Verfügung gestellt habe.
„Seine Mutter war wirklich eine Jüngerin, eine Mutter-Jüngerin“, sagte Kardinal Tagle. „Weil sie Jüngerin ist, ist sie Mutter. Und sie ist wirklich Mutter, weil sie ihre Jüngerschaft wahrhaft und in Fülle gelebt hat.“
In der Gestalt Fulton Sheens, der weltweit als Pionier der katholischen Kommunikation gewürdigt wird, erhielt dieser Ruf eine besondere missionarische Prägung. Der Kardinal erinnerte an Sheen nicht nur wegen seiner Wurzeln in Peoria oder seiner großen Beherrschung der Medien, sondern vor allem wegen eines priesterlichen Lebens, das im Wort Gottes gründete und auf die Mission ausgerichtet war.
In den Fürbitten am Ende der Messe wurde um Unterstützung für die Missionare gebetet, die „bis ans Ende der Welt“ gesandt sind, um das Evangelium zu verkünden. Ebenso wurde für alle gebetet, die durch „jedes Mittel der Kommunikation“ lehren oder predigen, damit das Heil „mit Integrität und Mut“ verkündet werden könne.
Kardinal Tagle schloss mit einem erneuten Blick auf die Berufung von Peoria. „Damit wird Peoria Teil der größeren Familie, der großen Familie Gottes“, sagte er. „Und Jesus wird sich darüber freuen.“
Die Stadt, so fügte er hinzu, solle nicht nur als Geburtsort Fulton Sheens bekannt sein, sondern als eine Gemeinschaft, deren Mitglieder das Wort Gottes hören und danach handeln.
Am frühen Abend wurde in derselben Kathedrale die Novene mit einer „Heiligen Stunde“ und eucharistischer Anbetung fortgesetzt, die der Mission gewidmet war. Geleitet wurde die Zeit der Gemeinschaft und der Sammlung von dem Franziskanerpater Dinh Anh Nhue Nguyen OFMConv, Generalsekretär der Päpstlichen Missionsunion (vgl. Anhang).
Fulton Sheen, so betonte Pater Anh Nhue bei der Einführung in die Gebets- und Betrachtungszeit über die Mission, „war nicht nur ein großer Prediger, Kommunikator oder Medienmann. Er war ein Mensch, der vom missionarischen Feuer erfüllt war: ein Förderer und Ausbilder für die Mission, ein leidenschaftlicher Unterstützer und Fürsprecher der Missionen.“
Seine missionarische Leidenschaft, so der Franziskaner weiter, „endete nicht mit seinem irdischen Leben. Sein missionarisches Erbe trägt bis heute Frucht. Seine Stimme verkündet weiterhin das Evangelium. Seine Schriften und Aufzeichnungen bilden weiterhin Menschen. Sein Zeugnis weckt weiterhin missionarische Herzen.“
So führte der vietnamesische Franziskaner, Generalsekretär der Päpstlichen Missionsunion, die Gläubigen in der Kathedrale ins Gebet. Zugleich trat auch Peoria in die letzten 48 Stunden ein, bevor die Kirche ihren Mitbürger Fulton J. Sheen als „Seligen“ verkünden wird.
(Fides 23/9/2026)