ASIEN/AFGHANISTAN - Truppenabzug: Afghanische Frauen erinnern an Bedeutung von Gerechtigkeit in der Gesellschaft

Montag, 14 Juni 2021 gerechtigkeit   frauen   kriege   menschenrechte   frieden   taliban  

Kabul (Fides) - Nargis Nehan, Direktorin der Nichtregierungsorganisation "“Equality for Peace and Democracy” ist besorgt. "Mit dem Truppenabzug scheint die Zivilgesellschaft für die internationale Gemeinschaft nicht mehr so nützlich zu sein wie zuvor." Die ehemalige Ministerin für Erdöl und natürliche Ressourcen und bekannte Aktivistin in der afghanischen Hauptstadt, stellt fest, dass der militärische Rückzug von auch einem diplomatischen und finanziellen Rückzug begleitet wird. Am 14. April 2021 kündigte US-Präsident Joe Biden an, dass der bedingungslose Abzug der US-Truppen bis zum 11. September 2021 erfolgen soll. Gleiches gilt für die Länder der Nato. Dazu werden Evakuierungspläne in ausländischen Botschaften erstellt. Geberländer scheinen eher zurückhaltend zu sein, wenn es darum geht neue Projekte zu unterstützen. „Wir sind zu wenig in hochrangige Debatten eingebunden“, klagt Nehan. Oft seien afghanische Frauen aufgerufen, „nur über Frauenrechte zu sprechen, aber wir haben eigene Ideen zu allem: vom Friedensprozess bis zu regionalen Rahmenbedingungen".
Die im bilateralen Abkommen zwischen den USA und den Taliban vom Februar 2020 vorgesehenen innerafghanischen Verhandlungen zwischen den Taliban und den republikanischen Kräften begannen erst im September 2020. Sie brachten keine nennenswerten Ergebnisse. Die Taliban nahmen nicht an einer von für April letzten Jahres in der Türkei geplanten UN-Konferenz teil und zwar unter dem Vorwand, dass das von Biden gewählte Datum für den vollständigen Rückzug der Truppen das in Doha erst vier Monate nach dem im Abkommen von Doha festgelegten Termin übereschreite. Seitdem ist die Gewalt in Afghanistan gewachsen.
"Das ist das erste Mal seit zwanzig Jahren, dass ich mich wirklich bedroht fühle", so die Journalistin Najba Ayoubi, Direktorin von "The Killid Radio", einem unabhängigen afghanischen Radiosender mit Büros in acht Provinzen des Landes. In den letzten Monaten gab es zahlreiche gezielte Tötungen von Journalisten und Journalisten, Mitgliedern der Zivilgesellschaft, Richtern und Regierungsbeamten. Keine Gruppe bekannte sich bisher zu den Morden. Auch an der militärischen Front wächst die Gewalt, die Taliban erobern neue Bezirke und die Regierung beschränkt sich auf den Schutz der Provinzhauptstädte. Für Najiba Ayoubi „sollte der Waffenstillstand bei der Aufnahme von Verhandlungen der erste Schritt sein. Erst dann können wir verhandeln“. Stattdessen hätten die Taliban „den falschen Weg gewählt. Sie wollen mit Gewalt an die Macht kommen“. Für Najiba Ayoubi bleibt die politische Einigung zwischen der Regierung von Kabul und den Taliban eine Priorität. Doch "die Unterzeichnung eines Dokuments allen wird keinen Frieden schaffen". „Der politische Prozess ist wichtig, aber ohne sozialen Frieden wird es immer andere Konflikte geben. Wir haben eine Gesellschaft, die sich seit 40 Jahren im Krieg befindet. Viele Familien bitten um Gerechtigkeit. Wenn diese Forderungen nach Gerechtigkeit nicht erfüllt werden, wird der Krieg weitergehen“, schließt die Direktorin von The Killid Radio.
(GB-PA) (Fides 14/6/2021)


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