AFRIKA/NIGERIA - Phänomen der Massenentführungen: Eher kriminelle und politische als „religiöse“ Hintergründe

Dienstag, 12 März 2024 entführungen   dschihadisten   banditentum  

Abuja (Fides) – Wie die Initiative „Safe School Initiative“ bekannt gibt kam es in in 14 Bundesstaaten in Nigeria zur Massenentführung von Schülern. Die nigerianischen Organisation wurde nach der Entführung von 276 Schülerinnen einer Mittelschule in Chibok im Jahr 2014 gegründet (das Schicksal von 100 von ihnen ist bis heute unbekannt) und hat es sich zur Aufgabe gemacht, Schulen vor terroristischen Angriffen zu schützen.
Die die allarmierende Statistik wurde nach der Entführung von 287 Schülern in Kuriga, im lokalen Regierungsbezirk von Chikun, Kaduna State (vgl. Fides 7/3/2024), und weiteren 15 Schülern in dem Dorf Gidan Bakuso, Sokoto State, veröffentlicht, während außerdem etwa 300 Binnenvertriebene (zumeist Frauen) nach dem Angriff von Dschihadisten der Westafrikanischen Provinz des Islamischen Staates (ISWAP) auf das Lager von Babba Sansani in der Nähe des Tschadsees im Bundesstaat Borno vermisst werden.
Die Warnung gilt für die Bundesstaaten Adamawa, Bauchi, Borno, Benue, Yobe, Katsina, Abuja, Kebbi, Sokoto, Plateau und Zamfara, das Gebiet der Bundeshauptstadt Abuja und drei weitere nicht näher bezeichnete Bundesstaaten.
Die Lesart dieser Welle von Massenentführungen ist unterschiedlich. Manche sehen darin einen "religiös" geprägten Versuch dschihadistischer Gruppen, die örtliche Bevölkerung zu terrorisieren, um die dschihadistische Welle in Richtung Küste zu treiben und damit ein altes Projekt des Kalifats von Sokoto aufzugreifen, sich bis zum Atlantik auszudehnen. Die Tatsache, dass sowohl Christen als auch Muslime entführt werden, deutet auf eine eher politische Lesart hin, nämlich auf das Interesse politischer und krimineller Machtgruppen an einer Schwächung der Regierung des im Mai 2023 angetretenen Präsidenten Bola Tinubu.
Außerdem werden die Entführungen von verschiedenen Gruppen begangen, was eher für eine politische und teilweise rein kriminelle Lesart spricht (der Wunsch, große Summen aus den Lösegeldern für Hunderte von Menschen zu erhalten) als für eine religiöse Interpretation.
Im Fall der Entführung der Schüler und Schülerinnen der Schule Kuriga soll es sich bei dem Hauptverdächtigen um eine Gruppe von bewaffneten Fulani-Hirten handeln, die im Auftrag von Dogo Gide handeln, einem berüchtigten, auf Entführungen spezialisierten Kriminellen, der bereits an der Entführung von 126 Schülern der „Bethel Baptist Secondary School“ in Maraban, Kaduna State, im Juli 2021 beteiligt war.
Die Figur des Dogo Gide ist paradigmatisch für das Verständnis der Verbindungen zwischen Dschihadismus und Banditentum im Norden Nigerias. Wie die nigerianische Presse berichtete, entkam er Anfang Dezember dem Tod, nachdem die von ihm geführte Gruppe einem gemeinsamen Angriff von Dschihadisten der ISWAP und der ANSARU (eine Al-Qaida-Ableger) zum Opfer gefallen war.
Gide hatte sich zuvor um ein taktisches Abkommen mit der ANSARU bemüht, um der Vorherrschaft der ISWAP in ihren Hochburgen im Bundesstaat Niger zu begegnen. Das später gescheiterte Abkommen zielte darauf ab, ein Bündnis mit der ANSARU im Bundesstaat Zamfara im Nordwesten Nigerias zu fördern.
Die Präsenz verschiedener bewaffneter Akteure, Dschihadisten, Fulani-Hirten und kriminelle Banden, die miteinander verbündet sind und miteinander konkurrieren, erhöht die Unsicherheit im gesamten nördlichen Zentralnigeria. Leidtragende sind die Familien der Geiseln, die Lösegeld zahlen müssen, indem sie ihr Eigentum und ihre Geschäfte verkaufen, um ihre Angehörigen freizukaufen.
(L.M.) (Fides 12/3/2024)


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