VATIKAN - Caritas Internationalis legt Jahresbericht vor: Wirtschaftskrise im Nahen Osten und internationale Verschuldung stehen im Mittelpunkt

Freitag, 17 Juli 2020 caritas       solidarietät  

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Vatikanstadt (Fides) - „Wir befinden uns in einem entscheidenden Moment des Wandels. Diese Veranstaltung findet auch im Geiste der Hoffnung für die Zukunft statt, insbesondere in einer Zeit, in der die Menschheit mit einer schweren Gesundheitskrise konfrontiert ist, von der alle betroffen sind. Covid-19 hat die Fragilität unserer Existenz hervorgehoben. Wie Papst Franziskus uns immer wieder gesagt hat, stehen wir vor einem Neuanfang und unsere Welt kann und darf nach Covid-19 nicht mehr dieselbe sein. Caritas Internationalis wird den Stimmlosen weiterhin eine Stimme geben und eine integrale menschliche Entwicklung und Ökologie im Einklang mit der Enzyklika „Laudato Sì” fördern und ihr Handeln darauf fokussieren", mit diesen Worten eröffenete Kardinal Luis Antonio Tagle, Präsident von Caritas Internationalis und Präfekt der Kongregation für die Evangelisierung der Völke, die Präsentation des Jahresberichts von Caritas Internationalis mit dem Titel "Caritas, die Stimme derer, die keine Stimme haben, die Zukunft in der Welt nach Covid-19". Bei der Präsentation im Rahmen einer Videokonferenz befassten sich Kardinal Tagle und der Generalsekretär von Caritas Internationalis, Aloysius John, insbesondere mit zwei Schwerpunkten, die ein entschlossenes Eingreifen der gesamten Weltgemeinschaft erfordern: die internationale Verschuldung und die bestehenden Wirtschaftssanktionen im Nahen Osten.
„Die Pandemie hat auch unsere Organisation auf die Probe gestellt”, so Kardinal Tagle “und wir sahen uns mit einer beispiellosen Situation konfrontiert, die zur Unterbrechung vieler Programme und sogar zur Schließung einiger Büros hätte führen können. Stattdessen ist es allen 162 Caritas-Organisationen, die in rund 200 Ländern und Territorien tätig sind, gelungen umgehend auf den Notfall zu reagieren, indem sie ihre Programme erweiterten und neu organisierten, um den am stärksten gefährdeten Personen zu helfen, sich um sie zu kümmern und sie über die Pandemie aufzuklären“.
„Die Caritas lädt alle, insbesondere die Staats- und Regierungschefs, ein, sich den dramatischen Folgen dieser Pandemie nicht nur im Bereich des Gesundheitswesens zu stellen”, so der Kardinal weiter, sondern auch umgehend zugunsten von Millionen von Menschen einzugreifen, die Gefahr laufen, zu verhungern. Wir dürfen nicht zusehen, wie sich die Lebensbedingungen der Menschen im Libanon, in Syrien und in anderen Ländern des Nahen Ostens verschlechtern. Insbesondere die Ärmsten sind Opfer von Wirtschaftssanktionen und die Bedrohung durch Covid-19 macht ihr bereits schwieriges Leben noch prekärer. Die internationale Verschuldung der ärmsten Länder Afrikas und von Teilen Lateinamerikas und Asiens hat bereits schwerwiegende soziale und wirtschaftliche Folgen."
“Die Situation im Nahen Osten hat sich in den letzten sechs Monaten drastisch verschlechtert”, bekräftigte auch der Generalsekretär von Caritas Internationalis, Aloysius John, “die Wirtschaftssanktionen und das Embargo gegen Syrien haben dazu beigetragen. Die Preise sind in die Höhe geschossen, den Menschen fehlt das Geld, um Lebensmittel zu kaufen, die Unterernährung breitet sich aus und der Unmut gegenüber der internationale Gemeinschaft wächst. Die Situation ist noch schlimmer für die am stärksten gefährdeten Personen, insbesondere für Kinder, Frauen und ältere Menschen, die bereits von Kriegen, Spannungen, Fundamentalismus und jetzt auch von COVID-19 betroffen sind. Die Sanktionen gegen Syrien”, so Aloysius John weiter, „haben auch die Nachbarländer getroffen. In diesen Tagen schauen wir alle mit besonderer Sorge auf den Libanon, der seit jeher ein Modell des Gleichgewichts für den gesamten Nahen Osten ist. Ein Land, das immer eine "Botschaft der Freiheit und ein Beispiel für Pluralismus für Ost und West" war, wie Johannes Paul II. sagte. Obwohl die Sanktionen und das Embargo nicht direkt gegen den Libanon verhängt wurden, sind die indirekten Folgen für das Land, das enge wirtschaftliche Beziehungen zu Syrien unterhält, unbestreitbar. Heute brauchen im Libanon 75% der Bevölkerung Hilfe, die lokale Währung hat 80% ihres Wertes verloren. Darüber hinaus war der Libanon immer eine wichtige Basis für die Entsendung humanitärer Hilfe in Länder wie Syrien und den Irak. Und wenn sich die Situation nicht verbessert, werden die Folgen für die gesamte Region katastrophal sein."
In ihrem Beitrag zu der Videokonferenz betonten auch Rita Rhayem, Direktorin der Caritas Libanon, und Pater Michel Abboud, Präsident der Caritas Libanon, die kritische Lage, in der sich das Land befindet. „Der Libanon ist mit der schlimmsten wirtschaftlichen Krise aller Zeiten konfrontiert und eine große Anzahl von Arbeitslosen leben heute unterhalb der Armutsgrenze. Diese Wirtschaftskrise ist das Ergebnis vieler Faktoren und wird durch die Auswirkungen der Ausbreitung der Syrienkrise und die Folgen der Sanktionen verschärft. Das Land, in dem eine große Anzahl syrischer Flüchtlinge und Wanderarbeiter leben, steht kurz vor dem Zusammenbruch, und die internationale Gemeinschaft schaut größtenteils schweigend zu. Hilfen sind an Reformen gebunden, die schwer umzusetzen sind oder Zeit brauchen", erklärt Rita Rhayem.
„In der Zwischenzeit zahlen die Libanesen einen hohen Preis. Migranten und Flüchtlinge leiden Not. Wie Papst Franziskus am 28. Juni 2020 im Angelus sagte: "Der Libanon befindet sich in einer schweren gesellschaftspolitischen und wirtschaftlichen Krise, die sich durhch die COVID-19-Pandemie noch zugespitzt hat."
Die Direktorin von Caritas Libanon wies auch darauf hin, dass, während die Welt nach Mitteln zur Behandlung von Covid-19 suche, die Pandemie im Libanon nicht zu den Prioritäten gehöre, vor allem, weil im Verlauf der Krise Hunderte von Menschen nach Alternativen suchten, um Geld zu verdienen, damit sie etwas zu essen haben. „Wir sind zum Tauschhandel zurückgekehrt” betont sie, “viele arme Menschen haben begonnen, Kleidung und Schuhe gegen Lebensmittel einzutauschen”.
Die Abteilung für Soziales der Caritas Libanon beobachtet die Situation der am stärksten gefährdeten Personen, um ihren Zustand einschätzen zu können und die Bedürftigsten zu unterstützen. Die Verantwortlichen weisen jedoch darauf hin, dass es aufgrund der begrenzten wirtschaftlichen und personellen Ressourcen unmöglich sei, in Notfällen auf alle Anfragen zu antworten. Es bestehe auch das konkrete Risiko, einige Notunterkünfte und Schulen schließen und Mitarbeiter entlassen zu müssen. In den vergangenen fünf Monaten hat die örtliche Caritas in Zusammenarbeit mit jungen freiwilligen Helfern insgesamt 11.293 Lebensmittelpakte, 5.415 warme Mahlzeiten und 3.012 Essensgutscheine verteilt. Darüber hinaus arbeitet Caritas Libanon mit der "Maronite Foundation" zusammen, die Lebensmittel für die Verteilung in den verschiedenen Regionen des Libanon zur Vefügung stellt. Im Juni verteilte das Gesundheitsamt 50.239 Medikamente an 11.425 Begünstigte im ganzen Land. “Die Situation ändert sich dramatisch von einem Tag auf den anderen. Wir erleben Szenen, die wir in diesem Land noch nie gesehen hatten", so die Vertreter von Caritas Libanon abschließend.
(AP) (Fides 17/7/2020)


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