ASIEN/LIBANON - Krise im Libanon: Patriarch Rai warnt vor Gespenstern der Vergangenheit

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Beirut (Fides) – Seit Beginn der Protestkundgebungen im Libanon seit dem 17. Oktober, findet jeden Nachmittag um fünf Uhr in der Kirche des maronitischen Patriarchen von Berkè ein Rosenkranzgebet für den Frieden im Land statt. Das Mariengebet, zu das am gestrigen, dem 14. November auf eine einstündige Eucharistische Anbetung folge, wird vom Fernsehsender „Nursat“ im ganzen Land live übertragen und über die sozialen Netwerke von libanesischen Gläubigen in aller Welt mitverfolgt.
Der Vorschlag, jeden Tag für den Frieden zu beten, kam vom Patriarchen Bechara Boutros Rai, der seit Beginn der Krise die politischen Führungskräfte auffordert, auf die legitimen Forderungen des Volkes zu hören und gleichzeitig versucht alle möglichen Ausschreitungen zu verhindern, die dazu führen könnten, dass das Land die Szenarien der Vergangenheit wieder erleben muss, die die Nation in den langen und blutigen Jahren des Bürgerkriegs heimgesucht hatten.
Erste Anzeichen glaubt man bereits zu erkennen: unter anderem hatten an einer am Nahr-el-Kalb-Tunnel entlang der Straße von Beirut nach Jounieh geschaffene Straßen-Barrickade Demonstranten mit bedeckten Gesichtern Flugblätter verteilt, auf denen der maronitischen Patriarchen Nasrallah Sfeir (1920-2019) zu sehen war, und dies in einem überwiegend von Christen bewohnten Gebiet. Dieser Ort hat sich im libanesischen kollektiven Gedächtnis als der Ort eingeprägt, wo während des Bürgerkriegs die Trennlinie durch das libanesische Territorium verlief. Das Bild des Tunnels, der während des Krieges vollständig mit Erdhaufen verschlossen war (siehe Foto), verbreitete sich rasch in den sozialen Medien und viele haben den von Demonstranten errichteten neue Blockade als Ausdruck der für die "Mentalität der Milizen" bezeichnet, die schon bald ein durch die Wirtschaftskrise und die politische Lähmung geschwächtes Land bedrohen könnten.
Gestern empfing Patriarch Rai den Außenminister Gebran Bassil von der Freien Patriotischen Bewegung, der Partei, die vom ehemaligen General und heutigen libanesischen Präsidenten Michel Aoun gegründet wurde, und derzeit mit der schiitischen Partei der Hisbollah verbündet ist. Laut dem libanesischen Fernsehsender LBCI bat der maronitische Patriarch auch die Führer anderer christlichen politischen Parteien um Gespräche, darunter die Anführer der Kataeb-Partei und Samir Geagea, Anführer der libanesischen Streitkräfte, um sie vor der Gefahr einer Rückkehr zur Vergangenheit zu warnen. Die angebliche Kontaktaufnahme mit dem Patriarchen wurde von den christlichen politischen Führern dementiert, während das maronitische Patriarchat sich noch nicht offiziell dazu äußert. In der Zwischenzeit wurden nach dem Rücktritt von Premierminister Saad Hariri Kontakte zwischen schiitischen und sunnitischen Parteien bestätigt, um einen möglichen Konsens für den Sunniten Mohammad Safadi als neuen Ministerpräsidenten zu prüfen und eine "Notstandsregierung" ins Leben zu rufen. In der Vergangenheit war Safadi von der sunnitischen "Zukunftspartei" Wirtschaftsminister und Finanzminister in den von Najib Mikati, Fouad Siniora und Saad Hariri geführten Regierungen.
(GV) (Fides 15/11/2019)


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